Was ist Tantra?

Als ein überwiegend praktischer Weg der Verwirklichung hat der Tantrismus die verschiedensten Methoden übernommen, um den Bedürfnissen seiner, vor allem in bezug auf ihre Voraussetzungen und Fähigkeiten unterschiedlichen Anhänger entgegenzukommen. Obgleich das Ziel allen gemeinsam ist, hat jedes Individuum die Freiheit, den tantrischen Weg in der ihm entsprechenden Art zu gehen. So bedeutet diese Freiheit nicht eine bloße Verneinung von Bindung, sondern eine positive Verwirklichung, die reine Freude freisetzt, so daß universale Erkenntnis als solche zur Selbsterkenntnis wird. Dementsprechend hat Tantra ein System von Theorie und Praxis entwickelt, sowohl im Spirituellen wie auch im Physischen, um das Ziel und die Werte des Lebens zu erfüllen. Die oft gestellte Frage, ob Tantra eine Religion oder eine Form der Mystik sei, wird am besten durch die Worte Woodroffes beantwortet: „Kurz gesagt ist Tantra von seiner Natur her eine enzyklopädische Wissenschaft. Es ist auf die Praxis ausgerichtet und allen Wortgefechten abhold. Es entzündet die Fackel und zeigt den Weg, Stufe für Stufe, bis der Reisende ans Ziel der Reise gelangt.“ Obwohl Tantra als ein mystischer Weg erscheint, der auf einem metaphysischen Konzept basiert, zeigt sich letztlich, daß die Verwirklichung des Tantra seine anfängliche Mystik auflöst und zu einer nachvollziehbaren Erfahrung für den wird, der sie sucht. Insoweit sie auf menschlicher Erfahrung im Vollzug des Lebens gründet, als Quelle der Erweiterung des Bewußtseins, ist die tantrische Methode wissenschaftlicher Natur. Imgrunde ist Tantra weder Religion noch Mystik, sondern eine empirisch-experimentelle Methode, die – eingewoben in das Geflecht einer bestimmten Kultur – dennoch für jedermann gültig und nicht auf irgendwelche Gruppen oder Sekten beschränkt ist. Der tantrische Weg ist anti-asketisch, anti-spekulativ und frei von den Klischees der überkommenen, bis in alle Einzelheiten ausgearbeiteten Systeme.

Der Tantrismus entsprang derselben Saat, aus der die gesamte indische Überlieferung erwuchs, und so entfaltete er sich jedoch im Hauptstrom indischen Denkens. Im Laufe der Zeit nährte er sich jedoch aus seinen eigenen Quellen, die nicht nur völlig verschieden von den allgemeinen Denksystemen waren, sondern oft außerhalb der anerkannten Überlieferung sich ihm wiedersetzten. Auf diese Art entwickelte sich der Tantrismus außerhalb der etablierten Lehren und gewann im Laufe der geistigen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt sein eigenes Gepräge.

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Die Welt des Tantra von Ajit Mookerjee/Madhu Khanna