Was ist Authentizität?

Authentische Menschen sind selten zu finden. Die meisten möchten doch ihre Phantasien, Unzulänglichkeiten, Spielchen der Manipulation und Projektion bestätigt wissen und definieren sich darüber.
In der heutigen Businesswelt ist Authentizität dem Leistungsdruck gewichen. Sex sells. Sexualität ist genauso in den Bereich der Leistung, des Aufreißens, des Jugendwahns, der Gefühllosigkeit gerückt. Fast niemand mehr weiß, was wirkliche erfüllende, körperliche Liebe ist.
In meiner Tantramassagepraxis begegnet mir das seit Jahren. Weder bei Frauen noch bei Männern gibt es kaum die Erfahrung darüber wie wundervoll es sein kann einen belebten, berührbaren Körper zu haben und die entstehende Glückseligkeit und den inneren Frieden, sich in der Sexualität tief entspannen und entladen zu können, zu genießen. Es ist für mich jedes Mal ein Geschenk Zeuge zu sein, wenn eine Frau oder ein Mann nach der Massage offen, entspannt und in einer stillen Glückseligkeit gelandet sind. Worte sind dann überflüssig. Schwelgen in diesem Zustand ist angesagt und so viel wie möglich davon zu integrieren.

Was zeichnet Erwachsenensein aus?


Heute habe ich im aktuellen Juli Sein-Heft einen Artikel von David Rotter gelesen, der mich sehr angesprochen hat. Hier ein Auszug daraus:

„Von Männern, die niemals erwachsen werden wollen“

“Für mich waren es vor allem Beziehungen und das Berufsleben, die mir auf unheilvolle Weise gespiegelt haben, dass da ein Entwicklungsschritt aussteht. Dass ich mich weigerte erwachsen zu werden: Aber was heißt das überhaupt? Eine kurze Definition könnte sein: Erwachsen ist eine Person, die materiell, emotional und mental ganz und gar auf eigenen Beinen steht. Das bedeutet, diese Person hat Stabilität in sich selbst gefunden, ihren Platz in der Welt, kann für sich selbst sorgen, hat emotionale Abhängigkeitsmuster abgelegt, zu einem gesunden Selbstwert gefunden, kann Grenzen setzen und akzeptieren, ist in ihrer Kraft, kann entscheiden und mit den Konsequenzen umgehen, kann Kompromisse schließen, sich tief ausdrücken, nahe und intime Beziehungen führen.“

[Sein/Berlin – Juli 2013 Autor: David Rotter]

Schöner kann man es kaum beschreiben. Das Erwachsenenalter ist dann authentisch wenn die geistige Reife und Reflexion der eigenen Gedanken und Gefühle stattfinden. Verantwortung für die eigenen Kreationen zu übernehmen, ein Bewusstsein darüber entwickelt zu haben, was die eigenen Handlungen bei anderen auslösen, empathisch
zu sein und letztlich zu wissen, das alles was mich umgibt meine eigene Kreation ist.
Jedes Alter hat seine eigenen Qualitäten und Hürden zu nehmen. So sieht bei einem Jugendlichen Authentizität wieder ganz anders aus, als bei einem erwachsenen Menschen. Da ist es noch viel mehr die Suche, das Ausprobieren und auf allen Ebenen Erfahrungen zu sammeln. Eine ganz natürliche Neugier und Wissenwollen, wie das Leben funktioniert. Ausprobieren und wieder verwerfen. Haben Jugendliche von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen eine unterstützende und nährende Basis erhalten, umschiffen sie die Klippen des Lebens mit dem nötigen Selbstbewusstsein. Können mit Enttäuschungen und Misserfolgen souverän umgehen. Sie sind in der Lage Gefühle zu zeigen.
Ist diese Unterstützung ausgeblieben oder haben sie Übergriffe und Gewalt erlebt, ist es ungleich schwieriger den eigenen Weg zu finden.
Es gibt keinen idealen Start ins Leben. Alle haben wir mehr oder weniger schlimme Dinge in der Kindheit und im Jugendalter erlebt. Das sind Ösen und Haken, die für die Einzigartigkeit unseres Seins stehen.

Die persönliche Geschichte auflösen!

Authentisch zu sein heißt auch die persönliche Geschichte bearbeitet zu haben und aus der Opferrolle ausgetreten zu sein. Findet dieser Prozess nicht statt, werden die Opfer oft gleichfalls zu Tätern und ein Wiederholungszwang findet unter Umständen statt. z.B. Opfer von Missbrauch werden selbst zu Missbrauchstätern oder sind in ihrer Angst erstarrt.
Es ist keine Entschuldigung sich an nichts mehr erinnern zu können. Es gibt unterschiedlichste Möglichkeiten Traumata aufzulösen und der Erinnerung wieder auf die Sprünge zu helfen. Es ist dabei gar nicht erforderlich detailgetreu die Vergangenheit aufzudecken. Manchmal reicht es schon sich den Ängsten zu stellen und wahrzunehmen ob und welchen realen Bezug sie zur gegenwärtigen Situation haben.

Authentische Menschen sind schön und anziehend, zeigen sich in ihrer Verletzlichkeit, ihren Stärken (wobei Verletzlichkeit zu zeigen auch eine Stärke ist), in ihrem sexuellen Ausdruck, ihrer Lebenskraft. Sie sind aber auch unbequem, da sie sagen was sie denken. Nicht selten erzeugt das Angst im Gegenüber, da sie weder manipulierbar sind, noch besonders großen Wert darauf legen, was andere von ihnen denken. Schuld und Scham, schlechtes Gewissen sind abgebaut und dadurch ist es möglich ein klares Ja und ein klares Nein zu sagen. Das ist die Voraussetzung den eigenen Raum zu halten und Nähe und Intimität zuzulassen.


Kenntnis über sich selbst!

Authentizität setzt eine Kenntnis, ein Bewusstsein über sich selbst voraus.
Wer nimmt sich denn die Zeit, nüchtern, ohne Ablenkung und Kompensation den Blick nach innen in den eigenen Kern zu richten?

Wer hat den Mut den aufsteigenden Gefühlen, möglicherweise der inneren Leere, Aggression oder Sehnsucht zu begegnen? Wir kommen nicht umhin zu fühlen, unsere Gefühle wieder zu aktivieren, mit ihnen in der Gegenwart zu landen, wenn wir ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen wollen. Manchmal zwingen Krankheiten zum Innehalten.
Den Gefühlen und Gedanken zu begegnen verliert den Schrecken, je mehr wir uns darin üben und den Prozess beschleunigen. So ziehen unangenehme Gefühle mit der Zeit schneller vorüber, wenn wir sie einfach als gegeben annehmen ohne uns darin zu vergraben.


Entscheidungswillig und -fähig zu sein heißt die eigenen Gedanken und Gefühle rechtzeitig zu erkennen und dann eine Entscheidung zu treffen in welche Richtung ich damit gehen möchte. Unkontrollierte Gefühlswallungen, wie Wut, die sich gegen andere richtet und in Hass ausartet, kommen aus einem inneren Stau. Der Staudamm bricht und entlädt sich in unheilvollen Überreaktionen, die mit der gegenwärtigen Situation nicht unbedingt etwas zu tun haben. Da reicht ein Trigger und die Lawine kommt ins Rollen.
Kollektiv entsteht so Krieg.
Es geht nicht darum Gefühle zu besänftigen, zu leugnen oder unter den Teppich zu kehren. Der adäquate und verantwortungsbewusste Umgang damit ist die Voraussetzung die gestauten oder abgespaltenen Gefühle aus ihrer Isolation zu holen und als positive Lebenskraft verfügbar zum machen.

Im nächsten Kapitel geht es dann um die Integration unserer Schatten!

Herzlichst
Bettina