Von Frau zu Frau

Zu den Quellen unserer Lebendigkeit

In meiner langjährigen Tätigkeit als Tantramasseurin konnte ich viele Frauen, Männer und Paare unterschiedlichster Nationalitäten in ihrem Sexualverhalten kennenlernen. So konnte ich viel wahrnehmen und erforschen. Durch meine persönliche Entwicklung komme ich mehr und mehr zu Erkenntnissen, die ein gesundes Sexualverhalten oder anders formuliert, den gesunden Umgang mit unserer Lebensenergie voraussetzen.

Im Patriarchat wurde die zentrale Stellung der Frau und die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ausgemerzt. Es gibt endlos viele Beispiele was Frauen in unserer heutigen Zeit erleiden. Dennoch werde ich das jetzt nicht näher ausführen, da ich auf die positiven Aspekte der Möglichkeiten als Frauen, die wir haben, eingehen möchte. Dies soll ein Appell an die Dankbarkeit sein, die wir jeden Tag pflegen können, wenn wir in einer friedvollen Umgebung leben, bzw. die Wahl haben, sie uns so zu kreieren.

Unser Thema ist, wie lösen wir unsere Traumata? Wie können wir uns von unserer Vergangenheit entidentifizieren? Wie kommen wir in den Stand Verantwortung für uns zu übernehmen?

Das Leben ist ein Prozess

Selten wird gewertschätzt in welchem großartigen Körper wir leben. Meistens erst dann, wenn er nicht mehr funktioniert und Krankheiten zum Innehalten zwingen. Wir hätten die Möglichkeit das volle Potential unseres Körpers auszuschöpfen. Es wird allerdings keine Kultur dazu gelehrt und gepflegt. Dazu gehört die Initiation in der Pubertät durch wissende Erwachsene was eine selbstbestätigte Sexualität bedeutet, wie sie gelebt werden kann. Sexueller Missbrauch an Kindern, Gewalt und Manipulation ist weit verbreitet. Die dadurch entstandene Traumatisierung beschäftigt uns oft lebenslang und verhindert geistige Reife. Das hat auch im Liebesleben Unwissenheit und Entfremdung zu sich selbst und den Mitmenschen zur Folge. Viele bleiben in diesem unreifen Stadium hängen und suchen in Beziehungen die Befriedigung ihrer infantilen Bedürfnisse. Genauso gehört zu einem gesunden Aufwachsen die Förderung zum Lernen, einer gesunden Ernährung und Bewegung. Hat das in der Kindheit nicht stattgefunden, ist es eben jetzt an der Zeit.
Moshé Feldenkrais schreibt:

„Das Leben ist ein Prozess. Menschen erwarten oft Heilung, nicht Fortschritte. Fortschritt ist ein allmähliches Verbessern, dem keine Grenzen gesetzt sind. „Heilung“ ist bloße Rückkehr zum früheren Zustand, der nicht einmal besonders gut oder auch nur genügend gewesen zu sein braucht, den man aber gewöhnt war. Das Gewohnte und Vertraute stellen wir nicht in Frage, Fortschritte stufen wir ein. Fortschritte entwickeln sich aus der Bewusstheit. Durch so erlerntes Wissen, ist es uns erst möglich, frei zu wählen.“

Ich bin großer Fan der Feldenkraismethode und praktiziere sie kontinuierlich.
Egal welche Variante ich in meinem Leben schon durchlebt habe oder weiterhin beobachte hat sich in keiner Form, weder in Gemeinschaft mit freier Liebe, monogamer Zweierbeziehung, polyamoren Beziehungen noch irgendwas dazwischen der Kennlernprozess meines Selbst erübrigt. Diesen Weg kann ich nur mit mir gehen. Das braucht Zeit und Stille.

In unserer modernen Gesellschaft hat sich die Rollenverteilung etwas verändert.
Es gibt eher eine Gleichmachung der Aufgabenverteilung. Der „androgyne“ Typ ist entstanden. Es ist immer weniger klar im Bewusstsein was ist weiblich und was ist männlich.
Eins ist klar, die Frauen brauchen den Spiegel der Frauen. Dafür ist der Mann nicht zuständig, auch nicht dafür, der Frau die starke Schulter zu bieten und sie zu „bemuttern“. Das kann er gar nicht.

Unsere Gesellschaft ist übersexualisiert, d.h. die Fixierung auf Sex ist sehr groß. Egal ob er jetzt gelebt wird oder nicht. Gerade in der Verdrängung hat er einen hohen Stellenwert, da es viel Energie braucht ihn zu unterdrücken. Der Leistungsdruck zum Orgasmus zu kommen, ist andrerseits weit verbreitet. Viele Kontakte bleiben oderflächlich und unverbindlich, was eine Berührung und Erfüllung, auch des Herzens, schwer möglich macht.

Berührung von Frau zu Frau

Als Tantrikerin ist es für mich selbstverständlich, Frauen zu berühren und schwesterlich im Mitgefühl zu sein. Wer sollte eine Frau besser kennen, als ich, die auch eine Frau ist? Bei Frauen werde ich untrüglich geführt. Jede kleine Körpergeste führt mich und der weibliche Körper an sich, spricht mit mir. Das sind oft ganz unterschiedliche Körperstellen die besondere Aufmerksamkeit brauchen.

Manchmal kommt es auch vor, das eine Frau mit der Erwartung kommt, das eine Tantramassage Sexersatz ist und völlig auf den Orgasmus fixiert ist. Ich spüre dann eine gewisse Ungeduld, wann es endlich zur Sache geht. Die Berührung wird sozusagen abgewehrt und es kommt nicht zu einem wirklichen Kontakt. Glücklicherweise ist das sehr selten, da es sowohl für mich als Gebende, wie auch für die Empfangende enttäuschend ist. Ich lande nicht mit meiner liebevollen Berührung und von der Empfangenden werden die Erwartungen nicht erfüllt.

Tiefe Orgasmen kommen aus der Hingabe und dem Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung. Es findet eine Pulsation statt. Die Voraussetzung dafür ist ein durchlässiger Körper und das aktive Atmen. Der Atem trägt die Energie und bringt sie ins fließen. Wenn die Lust fließt und der ganze Körper vibriert, sozusagen die Empfangende, wie die Gebende von einer ekstatischen Welle erfasst werden, ist das ein großartiges Ereignis und manchmal wie eine Geburt in etwas Neues. Ich bin dann erfüllt von Demut, wie großartig unser Körper ist. Aber es kann genauso ergreifend sein, wenn in einer stillen Reise eine lang unterdrückte Empfindung wieder da ist. Ein Aha-Erlebnis: „Wow, das bin ich und das kann ich fühlen.“

Vertrauen in den Körper

Meistens geht es darum das Herz und die Yoni zusammenzubringen. Ist die Yoni gefühllos kann sie nicht auf das Herz hören und es entsteht Angst, wenn sie zu schnell oder zu früh berührt wird. Das verlorengegangene Vertrauen ist noch nicht wieder hergestellt. Das trifft sowohl bei Empfindungslosigkeit in der Yoni zu, wie auch umgekehrt, wenn die Yoni quasi übersexualisiert ist, weil im Herz keine Empfindung da ist. Durch die langsame, achtsame Berührung können die Empfindungen zurückkommen. Unser Körper heilt sich selbst, wenn er die richtigen Impulse und Informationen bekommt, die ihn nicht überfordern. Deshalb ist Behutsamkeit angesagt, anstelle von Konfrontation. Es ist nicht notwendig alte Verletzungen aufzudecken. Es reicht zu wissen, das ich verletzt bin und das anzunehmen. Die detaillierte Rückbindung in Traumata, sofern sie sich überhaupt zeigen, ist nicht die Lösung und kann den Zustand sogar noch verschlimmern.

In den 80er und 90er Jahren war die Konfrontation noch angesagt, wie z.B. durch Primärtherapie und Encounter. „Auch ich habe das alles durchlaufen. Es hat mir dabei geholfen, mehr in den Ausdruck zu gehen, zu erleben, wo ich erstarrt bin, wo ich Masken trage und wo ich Übersprungshandlungen mache, um mich nicht zu fühlen. Es hat mich aus dem Leugnen gebracht und mein Becken über bioenergetische Atmungen beweglicher gemacht.Traumata wurden dadurch jedoch nicht aufgelöst.“
Sehr ängstliche Personen konnten dem allerdings nicht standhalten. Da war es eine völlige Überforderung. Mittlerweile gibt es neuere Methoden, wir z.B. das von Peter A. Levine entwickelte „somatic experiencing“, beschrieben in dem Buch „Sprache ohne Worte“. Darin gibt es ausführliche Informationen wie unser Gehirn funktioniert und das Traumata in einer sehr alten Gehirnregion gespeichert sind, dem sogenannten Reptiliengehirn, an das wir über das Bewußtsein nicht herankommen. Für die Auflösung von erstarrten Gefühlen brauchen wir den Körper. Körpertherapie sollte nur so weit gehen, das der Klient nicht überfordert wird. Peter Levine nennt das tröpfchenweise in die Empfindung gehen.

Eine Tantramassage dient dazu den Kontakt zu sich selbst und das Gefühl im ganzen Körper zu aktivieren. Sie ist langsam, damit der Körper sich in die Berührung hineinentspannen kann. Sie lebt vom totalen Moment. D.h. wohin sich die Reise begibt, ist vorher nicht abzusehen.

Es geht so sehr darum das wir Frauen wieder unsere weibliche Macht entblättern und annehmen. Das wir Vertrauen in unseren Körper entwickeln. Sind wir von Schuld, Scham und Angst durchtränkt, beziehen alles auf uns und schauen, was wir möglicherweise falsch gemacht haben, bleibt uns der Zugang zum Lebendigen verborgen.

Mittlerweile nehme ich mich so an wie ich bin. Eine Frau mit Neugier, Forscherdrang und der Fähigkeit mich zu entspannen. Ich mache Fehler, da ich mir mehr und mehr zutraue, Neuland zu betreten. Ich kasteie mich nicht mehr für meine Fehler, sondern suche einen kreativen Umgang damit. Manchmal mache ich mich dadurch unbeliebt. Aber auch der Anspruch es allen recht machen zu wollen ist absurd.

Im Patriarchat wurde die gewaltige Lebenskraft der Frau mehr und mehr sabotiert. So haben wir Frauen unsere persönlichen Themen, aber auch die des Kollektivs, d.h. wir sind auch von den globalen Themen betroffen, beeinflußt und manipuliert. Je nachdem wie wir das auch geistig durchschauen, können wir unseren individuellen Heilungsweg beschreiten und die dazugehörigen Aufgaben erkennen und annehmen.

Das Entdecken unseres Innenraumes: „Was empfinde ich? Was denke ich? Welche Emotion entsteht? Aus welchem Grund reagiere ich? usw. ist das Wertvollste was wir für uns tun können. Es ist der Weg hin zur Selbstermächtigung und zur Bewusstwerdung. Letztlich der Heilungsweg per se. Ich bin nicht mehr zwangsläufig Opfer meiner Vergangenheit sondern kreativ und spontan im Moment.

Was heißt das für unsere weibliche Sexualität?

Ich setze Sexualität als Zentrumsenergie mit Lebensenergie gleich.
Ist eine Frau in der Vollmacht ihrer Lebensenergie ist sie wild und frei. Sie hat das Bewusstsein, wie sie selbstbestimmt darüber verfügen kann. Sexualität kann sich vielfältig ausdrücken. Manchmal mit einem Gegenüber, aber genauso in Stille oder Ekstase in der Natur, beim Kochen oder in einem anderen kreativen Prozess.

In meiner Arbeit als Yonimasseurin bin ich ständig am weiterforschen. Im Geben, aber auch ganz wichtig im Empfangen. Je nach körperlichem, geistigen und seelischem Zustand und der Reife ist der Energieverlauf während einer Yonimassage sehr differenziert.
Eine Yonimassage kann eine Bestandsaufnahme sein, wie ich mich gerade in meinem Körper fühle. Je mehr der Körper empfindsam ist, umso ganzheitlicher wirkt sich diese Massage auf den ganzen Körper aus. Eine Yonimassage kann sowohl eine Lusterweckerin, als auch eine Tiefenentspannerin sein.

Je nach Empfindungsfähigkeit und körperlicher Durchlässigkeit ist der Orgasmus ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, ein kleines Bächlein oder nur ein dürftiges Zucken.
Ist die Yoni organisch gesund, was bei uns fast immer der Fall ist, sitzt die Blockade im Kopf. Deshalb geht es erstmal gar nicht darum angestrengt einen Orgasmus zu erreichen, sondern ein positives, selbstbestätigtes Verhältnis zu sicher selbst zu entwickeln.

Präsente, liebevolle und kundige Berührung kann sehr hilfreich sein, das Ja zum Lebendigen stärker zu aktivieren. Wie auch immer die neuen Schritte zu unserer Weiblichkeit, zu unserem Inneren aussehen, lasst sie uns gemeinsam gehen, ob im Geiste oder in einer direkten Begegnung.

Herzlichst
Bettina