Vom Drama zur Quelle

Die kleinen Tyrannen

Da Menschen, die im Drama sind, unbewusst andere Menschen quälen, damit es ihnen mindestens genauso schlecht geht, wie ihnen selber, ist mir die Geschichte von Carlos Castaneda aus seinem Buch das „Feuer von Innen, die kleinen Tyrannen“ eingefallen. Den Schlußabsatz zitiere ich als Einleitung:

Ich fragte Don Juan, ob jene kleinen Tyrannen, die er als die „Albernen, oder Klitzekleinen“ bezeichnet hatte, auch noch einen Krieger besiegen könnten? „Sie konnten es zu allen Zeiten“, erwiderte er. „Die Folgen sind heute nicht mehr so schwerwiegend wir früher. Heute hat der Krieger natürlich immer die Chance sich davon zu erholen. Er kann seine Kräfte sammeln und später zurückkehren. Aber das Problem liegt ganz woanders. Von einem albernen Tyrannen besiegt zu werden, ist nicht tödlich, aber es ist vernichtend. Die Sterbeziffer ist beinah genauso hoch. Was ich damit sagen will: Ein Krieger, der gegen den kleinen Tyrannen verliert, wird durch sein eigenes Gefühl der Niederlage und Wertlosigkeit vernichtet. Und das heißt für mich soviel wie Sterben.“

Castaneda: „Woran willst du Niederlage ermessen?“

Don Juan: „Wer sich unter die kleinen Tyrannen einreiht, ist besiegt. Im Zorn handeln, ohne Kontrolle und Disziplin, und ohne Voraussicht – das nennt man besiegt zu sein.“

Castaneda: „Was geschieht, wenn ein Krieger besiegt ist ?“

Don Juan: „Entweder er sammelt noch einmal seine Kräfte, oder er gibt die Suche nach Wissen auf und reiht sich für den Rest seines Lebens unter die kleinen Tyrannen ein.“

Was ist das Drama?

Das Drama ist die Eskalation, die Verselbstständigung negativer, unbewusster Glaubenssätze. Wie in der Einleitung beschrieben, ist es das Handeln aus dem Zorn, ohne Kontrolle und Disziplin, und ohne Voraussicht. Nicht selten geht das Drama mit der völligen Vernebelung im Geist einher. Es kann sich vergaloppieren, mit Schnappatmung (Hyperventilation), extremen Angstzuständen, Depressionen und dem Geschehen von Unfällen, bis hin zum Tod.

Dem Abgrund sind keine Grenzen gesetzt. Das Drama ist sozusagen der Energiekiller Nr.1. Frauen werden oft in diesem Zustand hysterisch, gemein oder schwimmen in einer Flut von Tränen aus Selbstmitleid. Männer werden oft gewalttätig, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen oder entziehen sich völlig dem Kontakt. Alle Reaktionen sind ein Ausdruck von absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Wir lernen diese Zustände schon als Kinder durch die Erwachsenen kennen, z.B. durch den Zoff der Eltern. Für Kinder ist das furchtbar. Als Erwachsene kommt uns das normal vor. Wir sind daran gewöhnt. Deswegen sind wir so träge aus dem Drama auszusteigen, weil es so „normal“ ist. Daran krankt unsere ganze Gesellschaft. Durch die Unbewusstheit  führt das Drama ein völlig unkontrolliertes Eigenleben. Es kann sich soweit aufbauschen, bis der Verursacher selbst am Boden liegt und jegliche eigene Energie aufgebraucht ist. Möglicherweise versucht er dann bei anderen Energie zu holen, um weiterhin im Drama bleiben zu können.

Das Drama wird durch die Begrenzung des eigenen Tellerrandes, des Egos verursacht. Alle Reaktionen auf die Umwelt, auf das Verhalten anderer, wird oft einfach weitergegeben. Das heißt z.B., wenn es eine Mutter gibt, die permanent tyrannisiert und die betroffene Person es nicht abzustellen vermag, sucht sie sich unter Umständen ein Opfer, an welches sie das weitergibt. Sie merkt dabei nicht wie sie selber genau wie die Mutter wird, bzw. sich unter die kleinen Tyrannen einreiht. Einher damit geht auch die Ignoranz der eigenen Wahrnehmung gegenüber, was dieses Verhalten bei anderen auslöst. Und eine Ignoranz dem Leben gegenüber und der wahrhaftigen Anteilnahme an allem Lebendigen.

Wie wirkt das Drama?

Hat sich das Drama erst einmal verselbstständigt, versucht es im Umfeld der Person, in dem es entstanden ist, destruktive Energie zu verbreiten. Eine Ausdrucksform ist die Selbstsabotage. Die Verhinderung, die eigenen Wünsche in die Tat umzusetzen oder in Projekten zu manifestieren. Schlicht die Verweigerung in die eigene Größe zu gehen. Das Wachstum wird blockiert, genau so, wie auch die Selbstheilungskräfte. Es ist ein Eingraben in den Abgrund. Der innere Dialog wird gefüttert und verursacht schlaflose Nächte. So ist die Person am nächsten Tag auch wieder unausgeruht und fühlt sich wie gerädert. Das Drama geht weiter. Es gibt Menschen, die befinden sich ausschließlich in diesem Zustand. Auch auf andere Menschen und Projekte versucht es sabotierend einzuwirken. Es soll kein Erfolg und keine Freude entstehen. Schließlich hätte das Drama dann keine Daseinsberechtigung mehr.

Das Opfer-Täter Verhältnis

Im Drama ist besonders deutlich zu beobachten, dass das Opfer-Täter-Verhältnis in der jeweiligen Personen, die diesen Zustand produziert haben, wechselseitig ist. Aus dem energieraubenden Opferverhältnis wird fast zeitgleich ein Täterverhältnis, indem das Drama danach trachtet die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nicht selten geschieht das durch Krankheiten, Unfälle oder beides. Es versucht damit die Zielperson zu erpressen. Oder in Zusammenhängen in denen mehrere Personen in einem Raum sind, kann es passieren das die Person im Drama die gesamte Energie abzieht, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird. Das Drama äußert sich auch darin, andere Menschen mit dem eigenen Elend zu beschäftigen. Wehe dem, der sich schuldig fühlt oder ein schlechtes Gewissen hat. Er versucht dann widerwillig, es dem Dramaturgen recht zu machen und verliert dabei die eigene Energie. In einem Arbeitsverhältnis kann das fatale Folgen haben, bis dahin das die Firma kaputt geht. Je nach dem wie die Machtverhältnisse und Entscheidungsbefugnisse verteilt sind und der Grad der Bewusstheit zum Tragen kommt.

Dennoch gibt es kein schwarz oder weiß, gut oder böse. Wir alle haben beide Anteile in uns. Wir sind manchmal Projektionsfläche oder projizieren unsererseits. Das läuft oft gleichzeitig ab. Die Unterscheidung liegt darin, sich dessen bewusst zu sein. Sollte es passieren in den Dramazustand zu rutschen, ist es eine weise Entscheidung andere nicht damit zu belästigen. Oder auch in einer eigenen schwachen Position rechtzeitig für Abgrenzung zu sorgen. Manchmal reicht es schon mitzuteilen: „Jetzt nicht, ich bin gerade nicht in meiner Kraft.“ Das nenne ich wesentliche Aspekte von Eigenverantwortung.

Echte Krisen

Es gibt echte Krisen im Leben, die durch schwere Schicksalsschläge, Umwelt – und Naturkatastrophen oder Krankheiten verursacht werden. Krisen die unvermeidbar erscheinen oder sind. Manchmal entwickelt sich auch ein Drama in diese Richtung.

Wir haben alle unsere Lebensthemen. Dafür haben wir uns in unseren Körper inkarniert. Um Erfahrungen zu machen und uns zu entwickeln. Ich wage jetzt mal eine kühne Behauptung: „Je krasser der Schlag, um so größer ist die Chance zur Transformation. Die Transformation kann dadurch beschleunigt werden, oder überhaupt erst ins Blickfeld rücken.“

Nichts passiert ohne Grund. Der Mensch verdrängt mittlerweile immer mehr andere Lebewesen. Er breitet sich aus, beutet aus, verschwendet und zerstört. Unser Heimatplanet Erde ist auch in einer echten Krise. Mir hilft der Gedanke, das die Erde überleben wird, auch wenn sich der Mensch selbst ausrottet. Und er ist bislang auf dem Weg in diese Richtung. Deshalb ist es sinnvoll jeden Tag voll zu leben, als wäre es der letzte. Und volles Leben heißt, mit allen Sinnen, anteilnehmend, dankbar und bewusst zu genießen.

Was macht das Drama in Liebesbeziehungen?

Spielt auch noch die Sexualität mit rein, ist der Verletzungsgrad besonders hoch. Liebe nährt sich durch ein offenes Herz und die Fähigkeit Nähe und Intimität zulassen zu können. Leider ist das selten der Fall und die meisten Beziehungen dienen im günstigsten Fall dazu, aneinander zu wachsen. Der Liebespartner ist immer Spiegel. Was wir damit machen, ist das Entscheidende. Beziehe ich diesen Spiegel auf mich, d.h. was ich da mitbekomme und sehe, als Chance zur Integration dessen, wo ich selber noch blinde Flecken habe? Oftmals beziehen sich die Spiegel auf Triggerpunkte, d.h. Ich bekomme etwas nicht, was ich haben möchte oder ich bin durch  das Verhalten des Partners genervt. Die Triggerpunkte kommen überwiegend aus der Vergangenheit. So suchen wir uns Partner, mit denen wir ähnliche Erfahrungen machen, wie wir es etwa aus der Kindheit mit dem ein oder anderen Erwachsenen, meistens den Eltern, gewohnt sind.

So entstehen lange Wiederholungen, sowohl in der eigenen Erwartungshaltung und Reaktion, wie auch in dem Verhalten des Partners, die über kurz oder lang so nerven, dass sie ins Drama führen.
Ich kann nur meine eigene Haltung dazu verändern, nicht aber erwarten, dass der Partner das tut. Wenn meine Veränderung etwas im Partner bewirkt, um so besser. Die Nichtpräsenz in der Sexualität, bzw. der sexuellen Vereinigung kann auch einen enormen Energieverlust zur Folge haben. Das fällt deshalb nicht so unbedingt auf, weil die meisten den „sexuellen Druck“ eher loswerden möchten, als über einen längeren Zeitraum in Ekstase zu schwelgen und die Energie dadurch zu vermehren.

In der Beziehung zu meinem Liebhaber habe ich vier Jahre gebraucht, um das zu durchschauen. Es gab nährende, sexuelle Vereinigungen, wenn wir ganz miteinander in Kontakt waren. Dafür brauchte es Zeit und einen unterstützenden sinnlichen Rahmen. Diese Zeit gab es selten. So habe ich mich auch auf sexuelle Begegnungen eingelassen, die nicht in der vollen Präsenz von beiden Seiten stattgefunden haben. Hinterher habe ich mich dann oft schlecht und klein gefühlt und habe lange gebraucht, das richtig zuzuordnen. Als sich dieser gelegentliche Kontakt verabschiedet hat und ich frei von Verlangen und Hoffnung war, habe ich einen enormen Energiezuwachs bekommen. Ein zentrales Energieleck war geschlossen.

Die sexuelle Vereinigung wirkt auf mehreren Ebenen. Auf der körperlichen, der geistigen und der seelischen Ebene unseres Menschlebens. Deshalb haben sexuelle Übergriffe in der Kindheit auch so nachhaltige Auswirkungen auf das Erwachsenenleben. Wenn das nicht durchschaut wird, prägen sie das ganze Liebesleben und Sexualverhalten. Es werden die alten Verletzungen permanent weiter genährt. Im Falle von einem sexuellen, kraftvollem Selbstausdruck scheint es sogar selbstbewusst. Aber das kann auch zwanghaft sein, um die verletzliche Seite zu verbergen.

Um die feinen, energetischen Ebenen in der Sexualität wahrzunehmen, braucht es schon einen fortgeschrittenen Heilungsprozess. Das macht sich u.a. daran bemerkbar, dass die Energie den Körper durchfließt, die Lust sich sowohl in den Lustorganen, aber auch im ganzen Körper ausbreiten kann. Das Herz ist aktiv daran beteiligt und der Geist ist präsent. Gibt es Wünsche oder Unstimmigkeiten im Kontakt ist eine klare Kommunikation möglich.

Unsere Quelle

Wir stellen uns die Frage nach unserer Quelle, da wo wir uns auftanken können?
Das Problem liegt jedoch eher daran, das wir unsere wertvolle Energie sinnlos verschleudern. Wir haben sozusagen Energielecks, die uns aus der Verdrängung von Verletzungen oder Einsichten anhaften. Sie sind zu einer zweiten Natur geworden. Erkennen wir die Energielecks und ermächtigen uns dazu, diese zu schließen, stehen wir an der Quelle. Die Quelle ist in uns. Sie ist Freude, Kraft, Zuversicht, Anteilnahme, Präsenz und die Verankerung in unserer Mitte. In der Quelle haben wir auch Spaß am Menschenspiel. Das Menschsein ist ein buntes, abwechslungsreiches, neugieriges und sich ständig erneuerndes Abenteuer. Eine große Qualität daraus ist auch die Absichtslosigkeit. Es finden unerwartete Begegnungen und Berührungen statt, die vollkommen aus dem Moment genährt werden. Sie ziehen auch wieder weiter und dann kommen neue Begegnungen.

Die Quelle der Lebendigkeit, der Liebe und Anteilnahme kann sehr nahe liegen. Sie kann als reine Energie aufgenommen werden. Sie kann als klarer Rinnsal in einem Kiesbett, kühl und frisch vor sich hin plätschern. Sie kann auch als wilder Strom mit Stromschnellen zeigen, gefährlich wenn man sich bis in die Mitte wagt. Wie auch immer die Quelle aussieht, riecht oder sich anfühlt, aus welchem Element sie auch besteht. Sie ist zu finden!

Wie sieht die Befreiung aus dem Drama aus?

Es geht darum das eigene Innenleben zu erkennen und zu reflektieren. Zu erkennen, dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen dem was in mir ist, was ich denke, was ich fühle oder eben was ich verdränge und dem was sich im Außen kreiert. Begegnen mir ständig Menschen im Drama, kann ich davon ausgehen, das ich selber noch einiges zu integrieren habe. Menschen im Drama sind in sofern lehrreich, als dass ich mich darin üben kann, nicht zu reagieren oder mich beschäftigen zu lassen, wenn ich es nicht will. Das ist vor allem im Arbeitsleben wichtig, wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann. In jedem Fall ist es von dem Grad der Bewusstheit abhängig und in wie weit die Personen in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Es gibt etliche wirksame Methoden der Kommunikation die erlern- und anwendbar sind. Wenn es gelingt mit einem Menschen im Drama mitfühlend zu sein, zu sehen, was hinter dem Elend steckt, ist schon viel gewonnen.

Die kleinen Tyrannen in unserem Umfeld sind die Messlatte unserer Bewusstheit. Wenn wir erkennen, das 20% Anstrengung ist und 80% Drama, haben wir plötzlich 80% mehr Energie zur Verfügung, was wiederum auch die 20% Anstrengung relativiert. Und das Tollste daran ist, es entsteht eine unbändige Lebensfreude, eine Neugier, Hingabe und Anteilnahme an der Welt. Das wiederum aktiviert die Selbstheilungskräfte und so manches Zipperlein verschwindet. Es etabliert sich die Haltung der Erfüllung und des Beseeltseins, mit dem was wir tun. Es geht dann nicht mehr so sehr darum was wir tun, sondern wie wir es tun. Unter Umständen sich dem bewusst zu sein, was es heißt in einem privilegierten Umfeld ohne Todesbedrohung, Naturkatastrophen oder Hungersnot zu leben.

Mein Körpertherapeut nannte mir ein Beispiel, als ich ihm von meinen Erkenntnissen über das Drama berichtet habe: „Was unterscheidet einen stark belastenden Menschen mit Burnout von Albert Schweitzer, der 15 Stunden am Tag gearbeitet hat und daraus mehr Energie bezogen hat? Schweizer war nicht im Drama.“

Es liegt an jedem Einzelnen, das Drama sein zu lassen und sich für die Lebensfreude zu entscheiden!