Sexuelle Sicherheit herstellen

Eines der größten Probleme unserer Zeit ist die Unsicherheit, die im Umgang mit der Sexualität besteht. Gefühllosigkeit und Sexsucht ist weit verbreitet. Bei dem sexuellen Suchtverhalten geht es um Macht, Ohnmacht und Kontrolle. Sex ist dann ein Thrill, der durchaus Glückshormone freisetzt, bis wie bei jeder Droge, eine Leere entsteht, die immer stärkere Reize braucht. Einher geht oftmals die Bindungs- und Hingabeunfähigkeit und die Unfähigkeit zu lieben.

Die Männer hatten in matrilinearen Gesellschaften die Aufgabe u.a. für Schutz im Außenkreis des Clans zu sorgen, damit im Zentrum die Frauen und Kinder sicher waren. Die weisen Männer geben ihr Wissen an die jungen Männer weiter. Im übertragenen Sinne im Patriarchat wären dafür die Väter zuständig. Die den älteren Kindern die männliche Kraft, Wertschätzung und Anerkennung angedeihen lassen. Sie werden bestärkt in ihrem Sein und auf das Leben in der Welt vorbereitet. Sie erfahren den Stolz des Vaters über ihr Dasein. Ein gesunder Vater würde sich niemals an seinem Kind vergehen. Da die Väter oft weg sind und selbst diesen Schutz und das Wissen nicht erfahren haben, leben sie die Pubertät weiter und überlassen das Kinderaufwachsen meistens komplett den Frauen.

Die Mütter sind für die Nähe, das Nährende und das Urvertrauen des Kindes zuständig. Sie haben die soziale Kompetenz und bereiten das Kind vor, selbständig zu werden. Da auch sie das selten erlebt haben, ist das Kind oft Ersatz für den Mangel an Liebe, Fürsorge und Anerkennung.

In Zeiten des Patriarchats wurde das Wissen und die Initiierung in die Sexualität bei Pubertierenden weitgehend ausgemerzt. Sexuelle Übergriffe bei Kindern sind an der Tagesordnung. Über das Internet werden bei jungen Menschen die sexuellen Bilder häufig über Pornographie geprägt.
Was eine gesunde, ekstatische, orgiastisch potente Sexualität ist, weiß fast niemand mehr. Wilhelm Reich hat viel darüber geforscht und geschrieben.

Wenn die Sexualität nicht mit dem Herzen verbunden ist, ist sie abgespalten und führt ein Eigenleben oder mündet in Gefühllosigkeit im Genitalbereich. Die Abspaltung erfolgt fast immer in der Kindheit durch Übergriffe, Demütigung, Gewalt, Mißbrauch. Sexualität ist unsere Lebensenergie und deshalb ist die Betroffenheit durch Verletzungen in der Kindheit ganz zentral und nachhaltig. Ein Kind ist noch unschuldig in seiner Entwicklung und kann sexuelle Übergriffe nicht einordnen. Da die Täter meistens nahe Verwandte sind, geht der Vertrauensverlust einher und die verletzte, sexuelle Prägung bis ins Alter, wenn ein Heilungsprozess ausbleibt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, das dieser Prozess ein individueller ist. Es gibt keine Methode, kein Konzept, welches allgemeingültig ist und wirkt. In den seltensten Fällen geht es ohne professionelle Hilfe. Wir stehen sozusagen vor einem Abgrund und es erfordert Mut hineinzuschauen. Mit Abgrund meine ich die Betrachtung der Zwänge, die unser Verhalten prägen und die uns beherrschen.

Dafür braucht es liebevolle und absichtslose Unterstützung. Unser Körper hat enorme Selbstheilungskräfte. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, das wir angetreten sind, ausgestattet mit diesem genialen Körper, um unser Menschsein, als liebevolle und anteilnehmende Wesen zu verwirklichen.

Viele Freunde und Freundinnen, sowie Klienten in meiner Praxis habe ich schon erlebt, das sie genau wissen was passiert ist, wer die Täter waren und dennoch an ihrer Opferrolle so stark festhalten, als gäbe es keine Alternative.

Die Alternative ist der Weg ins Unbekannte, in neue Erfahrungsbereiche, die uns unterstützen abgespaltene Gefühle wieder zu fühlen oder stärker zu fühlen. Es fängt an bei der Selbstliebe und Selbstannahme. Unterstützend dabei ist auch das Bewusstsein darüber, dass wir einander brauchen. Nur im Spiegel der anderen, können wir uns entwickeln und Verletzungen heilen. Helfen wir anderen, hilft es auch uns.

Nur wenn wir unseren Gefühlen vertrauen können, darüber unseren Körper bewohnen, indem wir ihn fühlen, sind wir in der Lage uns selber Sicherheit zu geben.

Das betrifft alle Gefühle, Schmerz, Trauer, Angst, aber auch Freude und Glück.
Wenn wir uns vorwagen nach und nach zu fühlen, können wir uns ein selbstbestimmtes Leben kreieren. Wir dürfen davon ausgehen, dass unser Körper ein unkorrumpierbares Gedächtnis hat und es uns dankt, wenn wir liebevoll mit uns selbst sind.

Unser Geist ist wichtig zur Reflektion. Er kann entscheiden, ob wir links oder rechts gehen, ob wir Gewohnheiten anhaften oder ob wir es sein lassen. Ihn gilt es zur Ruhe zu bringen und von irrationalen, obsessiven Ängsten zu befreien.

Meditation ist eine gute Methode zur Entwicklung der Fähigkeit unserem Kampf-oder Flucht-Reflex zu entrinnen und die Pause zwischen Reiz und Reaktion so auszudehnen, dass wir überlegt handeln, statt nur auf ein Gefühl zu reagieren.
(Auszug aus dem Buch der Freude, Dalai Lama und Desmond Tutu).

Da wir sexuelle Wesen sind und in einem genialen Körper leben, ist es sinnvoll den ganzen Körper in den Bewusstwerdungs- und Heilungsprozess mit einzubeziehen, bzw. sich von seinen Zeichen leiten zu lassen.

Über meine eigene Geschichte möchte ich erläutern, wie der Weg aus zwanghaftem Sexualverhalten sein kann und in eine integrierte Sexualität mündet:

Ich war schon über 40, als in meiner tantrischen Jahresgruppe herauskam, dass ich über einen längeren Zeitraum sexuellen Übergriffen in der frühen Kindheit ausgesetzt war, u.a. von meinem Vater und meiner Mutter.

Mein Vater wollte einen Sohn, der das, was er nicht konnte, stellvertretend für ihn übernimmt. Er war herzkrank und ist gestorben, als ich 13 war. Ich wurde von ihm als Mädchen ständig gedemütigt und als minderwertig abgetan. An meiner Mutter hatte er kein sexuelles Interesse mehr. Daraus resultierte, dass ich bei Männern immer die Liebe meines Vaters gesucht habe. Durch den sexuellen Missbrauch, strengte ich mich an, mit vielen Männer Sex zu haben, in der absurden Hoffnung dadurch geliebt zu werden.

Nach einer völligen Orientierungslosigkeit in der Pubertät war ich etwa im Alter von 20 Jahren sexuell fordernd. Davor war ich sehr schamhaft und schüchtern und der Sex nicht selten mit Ekel verbunden.

Ich saß auf einem Vulkan und wollte ständig Sex und habe mich ausschließlich über meine sexuelle Attraktivität definiert. Sex war die einzige Ausdrucksform, die ich mit Männern kannte. Da ich sehr unsicher und unwissend war, setzte sich mein Sexualverhalten aus den Verletzungen ständig fort. Ich initiierte unbewusst und ließ es zu, dass ich weiterhin verletzt wurde. Ich war es gewohnt, „benutzt“ zu werden. Wenn sich mir ein Partner liebevoll zuwenden wollte, habe ich das entweder gar nicht gemerkt oder ignoriert. Ich konnte zwar Orgasmen erleben, war aber weit von einer orgiastischen Potenz entfernt.

Orgiastische Potenz heißt, dass der ganze Körper von Ekstase erfasst ist, die Energie steigt nach oben und eine tiefe Verbundenheit, Stille und Dankbarkeit folgt. Das Herz ist unmittelbar beteiligt und die sexuelle Energie steigt durch alle Chakren auf. Eine orgiastische Welle kann sich über Stunden in abwechselnder Intensität halten. Die Grenzen des Körperlichen lösen sich auf und es kann ein spirituelles Erlebnis sein, welches zutiefst erfüllend ist.

Schlecht behandelt zu werden und um die Aufmerksamkeit unerreichbarer Männer zu kämpfen, törnte mich an. Obwohl ich auch drei mehrjährige Beziehungen hatte, in denen es durchaus auch Liebe und Zuwendung gab, waren die Liebesdramen teilweise lebensgefährlich und enorm energieraubend. (Heute habe ich mit mir Frieden geschlossen und zu diesen Männern einen freundschaftlichen Kontakt).

Es kam der Tag in meiner Tantrajahresgruppe, andem ich feststellte, das ich keine Trauer fühlte. Das hat mich erschüttert und ich habe gemerkt mit mir stimmt etwas nicht, aber ich weiß nicht was. Ab diesem Tag habe ich angehalten, d.h. meine sexuellen Aktivitäten eingestellt und wollte mich ergründen. Mehrere intensiven Jahre mit Tantra, Therapie und Körperarbeit folgten. Ich habe um meine Lebendigkeit gerungen. Ich wollte fühlen und mir bewusstwerden, wer ich als Frau bin, jenseits von Rollen oder Erwartungen.
Nach und nach hat sich mein Verhältnis zu Männern geändert. Ich kann mich jetzt mitteilen, abgrenzen und auswählen, wer mir guttut. Ich bin als Freundin und Ansprechpartnerin bei Männern gefragt und kann ihnen absichtslos und neugierig begegnen. Mein Herz gibt den Ton an und nicht mehr meine Yoni alleine.
Herz und Yoni sind untrennbar zusammen. Der Atem trägt mich.

Freundinnen sind meine Hauptansprechpartner, wenn es um Mitteilung geht. Wir sind in ein gegenseitiges Lernen eingetreten, was uns dabei hilft die Wahrnehmung zu verfeinern, zuzuhören und Anteil zu nehmen. Wir konkurrieren und vergleichen uns nicht mehr. Wir zeigen uns einander, mit unseren Problemen, in unserer Verletzlichkeit, unseren Gefühlen und Gedanken und geben uns Feedback.
In der Sexualität bin ich nicht mehr auf den schnellen Orgasmus aus, sondern auf Langsamkeit, Spüren und Entstehen lassen. Ich kann Blickkontakt zulassen. Ich bin vorsichtig geworden, mit wem ich mich einlasse.
Mein Weg Vertrauen und Sicherheit aufzubauen ist noch nicht zu Ende, aber ich bin auf dem Weg und gehe ihn weiter. Herzlichst Bettina