Liebe braucht Achtsamkeit


Einige Artikel zur Liebe habe ich im Zusammenhang mit einem männlichen Gegenüber formuliert. Wenn Verliebtheit, Zärtlichkeit und sexuelle Ekstase da ist, können das sehr hohe Wogen der Glückseligkeit sein…
Aber auch in dieser Phase ist Achtsamkeit sehr wichtig, da oft gerne der geliebte und begehrte Mensch plötzlich für alles steht, was Erfüllung bedeutet. Es kann mehrere Wochen bis Monate dauern, bis sich die Schatten zeigen und die Landung auf dem Boden der Realität erfolgt. Hilfreich ist es auch, in dieser Phase das „Sich-Einlassen“ und „Loslassen“ zu üben. Was passiert mit mir, wenn der geliebte Mensch nicht in der Nähe ist? Fange ich dann an zu „schmachten“ oder – komme ich in ein Mangeldenken? Wenn das passiert, bin ich mit mir und der Selbstliebe noch nicht im Reinen. 
Das ist eine spannende Forschungsreise, zu entdecken, wofür das geliebte Gegenüber oftmals herhalten muss und herauszufinden, wie ich mich selbst nähren kann.Der Boden für die Liebe braucht zwei, voneinander unabhängige Menschen. Dann ist eine tiefe Begegnung möglich. 
Wie kann Liebe entstehen und bleiben, aus sich selbst heraus, ohne den unmittelbaren Impuls von Körperlichkeit, sexueller Vereinigung oder einer anderen Form von Aufmerksamkeit durch einen oder mehrere Menschen?
Liebe als dauerhaften, friedvollen Zustand in sich selbst zu etablieren, braucht ein paar aktive „Werkzeuge“! Achtsamkeit heißt in diesem Zusammenhang, zu Erkennen, wo Liebe verhindert wird und diese Hindernisse dann aus dem Weg zu räumen. Es ist ein aktiver Vorgang des Geistes und der Wahrnehmung.
Der Weg, der für die Liebe eingeschlagen wird, ist dabei unerheblich. Die Form der Liebe hat individuell sehr unterschiedliche Ausdrucksformen. Das kann eine polyamore oder eine asketische Lebensweise und alle anderen Variationen sein. Wichtig dabei ist die Freiheit von gesellschaftlicher Norm und Moral und das Unterlassen der Verallgemeinerung des eigenen Weges.
Es geht darum das Herz zu öffnen und die darauf folgenden Konsequenzen zu tragen. Der Weg des Fühlens führt in unbekannte Gefilde. Es erfordert Hoffnung und den Mut, sich auf das Unbekannte einzulassen. Unbekannt ist es deshalb, weil die meisten von uns keine uneingeschränkte Liebe erfahren haben und deshalb gar nicht wissen, wie sich das anfühlt. Wir entdecken uns selbst. Es ist ein Wechselspiel von „Einlassen“ und „Loslassen“. 

Liebe braucht Raum

Den eigenen Raum zu öffnen, bedeutet sowohl den Herzensraum, den Gedankenraum, als möglicherweise auch den Wohnraum zu öffnen. Der eigene Raum ist ein Ort der Schaden nehmen kann, wenn er destruktiver Energie ausgesetzt ist.Es ist für mich etwas Besonderes, wenn ich Menschen bei mir zuhause empfange oder mit jemandem das Nachtlager teile. Vor allem nachts tauschen sich viele Energien aus, oder nehmen Einfluss auf das gesamte Wohlbefinden. Hierbei gilt es klar zu erkennen, wo Energien anhaften, um sie ggf. wieder zu verabschieden oder loszulassen.Es ist wichtig zu erkennen, wann ich meinen Raum wieder ganz für mich brauche.
Das Gleiche gilt, wenn ich in den Raum eines anderen Menschen eingeladen bin oder ihn betrete. Es ist auch wichtig wahrzunehmen, wann der richtige Zeitpunkt ist, ihn wieder zu verlassen.
Besondere Wachheit erfordert das im Zusammenleben. Wenn unachtsam der selbe Raum ständig geteilt wird, erstickt das oft die Liebe. Liebe braucht Raum, Weite – das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. 
Je mehr wir in die Lage kommen, Altlasten unserer Biographie aus dem Weg zu räumen, umso mehr ist ein vorurteilsfreier, reaktionsfreier Raum möglich. Somit ist Liebe auch Selbsterkenntnis und daraus resultierende Weisheit. Das wiederum macht den Raum frei für Neugier und echtes Interesse.

Liebe ist ein Seins-Zustand

Buddhistische Mönche erlangen geistige Freiheit und inneren Frieden u.a. durch Meditation. Das kann sehr lange dauern und braucht eine disziplinierte tägliche Praxis. Wie erlangen wir das in unserer modernen, leistungsorientierten Gesellschaft?
Eine tägliche spirituelle Praxis, wie z.B. Meditation ist hilfreich, vielleicht sogar unerlässlich, um immer wieder den eigenen Raum aufsuchen zu können und für die reinigende Selbstbeobachtung. Reinigend ist sie deshalb, weil viele Reaktionsmuster gar nicht in das Ausagieren nach außen gehören, sondern oft mit den eigenen, unerkannten Unzulänglichkeiten zu tun haben. Wird das erkannt, kann die vermeintliche Reaktion ausbleiben. Und das ist reinigend. Ich verpeste nicht die Situation mit gestauten Aggressionen oder anderem destruktivem Verhalten, sondern kann hilfreich zu einer Klärung oder einem wohltuenden Kontakt beitragen. 
Liebe ist ein Seins-Zustand, der frei ist von Erwartungen und Projektionen. Liebe ist pure Lebensfreude und Anteilnahme an der Natur und dem Leben. Daraus resultiert auch Ruhe und innerer Frieden.
Liebe geht einher mit Fühlen, geistiger Klarheit, dem „Sich-selbst-kennen“ und der Selbstreflexion. Liebe ist auch das Zulassen und Annehmen der eigenen Verletzlichkeit. Wer verletzlich ist, ist auch berührbar. Liebe beinhaltet alle Gefühle, auch Schmerz und Traurigkeit. Ist Liebe geknüpft an Bedingungen, Bedürfnisbefriedigungen, schlicht an alles was sich ein Mensch nicht selber geben kann, ist es keine Liebe. Geliebt zu werden ist ein Grundbedürfnis. Wichtig ist sich selbst zu lieben.   
Liebe hat auch damit zu tun, wie sehr ich meine Fallen und Verletzungen kenne, um den Automatismus in meinen Verhaltensweisen zu durchbrechen, mich ständig damit zu identifizieren.
Wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, sind wir permanent damit konfrontiert, was der andere Mensch ausstrahlt und was für Erwartungen und Wertvorstellungen wir haben. Letztlich liegt es daran, wie wir eine Begegnung interpretieren.
Mich interessiert, wie Menschen um die Klippen des Lebens schippern. Je mehr sie dabei durchschauen und in der Lage sind das zu reflektieren und zu kommunizieren, umso mehr bin ich in der Lage Anteilnahme zu entwickeln. Das setzt einen gegenseitigen Lernprozess in Gang. Werde ich hingegen mit Schuldvorwürfen oder Manipulationen konfrontiert, fällt es mir viel schwerer ins Mitgefühl zu kommen. Manchmal bleibt nur die Abgrenzung übrig. Aber auch das ist schon ein Fortschritt auf dem Weg zur Liebe: sich klar abgrenzen zu können und das, was liebenswert ist, zu schützen.
Der Liebe treu zu sein, den Menschen, die ich liebe treu zu sein, gelingt nur dann, wenn ich mir selbst treu sein kann. D.h. auch, selbst für meine Bedürfnisse einzustehen und gut für mich zu sorgen. Dazu gehört auch, den eigenen Raum zu halten und ihn jederzeit wieder aufsuchen zu können. Hier meine ich den Innenraum in mir selbst, die zentrale Mitte. Liebe macht stark, indem ich autonom in meiner eigenen Mitte sein kann.
Herzlichst
Bettina