Die Kraft der Frauen

Liebe Leser und Leserinnen,

1999 und 2000 waren wir mit mehreren Frauen ein paar Wochen auf Lanzarote, um uns zu erforschen und mitzuteilen. Wir nannten es Frauenzeit.
Diese Zeit war für mich ein Meilenstein für meine Entwicklung und Tätigkeit.
Den Text, den ich dazu geschrieben habe ist auch heute noch aktuell und berührend.
Viel Spaß beim Lesen.

Die Kraft der Frauen

1. Frauenzeit vom 19.Januar bis 9.März 1999

Zuerst werde ich Euch von dem äußeren Rahmen der Frauenzeit berichten. Man fragt sich ja was Frauen miteinander sechs Wochen lang tun. Ich kann Euch sagen wir waren vollauf beschäftigt und sind so in den Fluß gekommen, dass wir noch Monate hätten weitermachen können. Je mehr wir entdeckt haben, umso spannender wurde es. Es entstand eine Fülle an Mitteilungen und Wünschen, dass wir es kaum bewältigen konnten. Es schien als hätten wir lange auf diesen Moment gewartet. Es war wie eine Erlösung.
Wir fingen morgens gegen acht an und hörten Abends gegen 23 Uhr auf. Ab und zu gab es einen freien Tag für Ausflüge oder Höhlengänge oder einfach nur zum Ausschlafen. Wenn Frauen miteinander in den Fluß kommen, entsteht alles organisch. Das war nicht von Anfang an so.
Die Anfangszeit war chaotisch. Erstmal mussten wir ein Gefäß schaffen, indem die Forschungsarbeit beginnen konnte. Wir waren alle scharf auf Yoni-Massagen und hatte hohe Erwartungen, was sich im sinnlichen Kontakt mit Frauen alles einlösen sollte. Als wir das erste Mal unsere Yonis betrachtet haben, war ich fasziniert, schamvoll und berührt. Es war mir klar, um mich diesem Mysterium anzunähern, brauche ich Behutsamkeit und viel Zeit. Noch bis vor wenigen Monaten wäre es für mich unvorstellbar gewesen, mich von einer Frau an meinen intimsten Stellen berühren zu lassen. Meine Scham war riesengroß, dass sie keinerlei Übersprungshandlungen zuließ. Ich entdeckte die Langsamkeit.
Für den Gruppenprozess brauchten wir fast drei Wochen, um in der Lage zu sein, mit der Yoni-Massage anzufangen. Ich muß jedoch erwähnen, dass wir von Anfang an viel mit Massage und Atmen experimentiert haben.
Da es keine Gesamtleitung gab, war der Gruppenprozess entsprechend gründlich bis jede ihren Platz gefunden hatte und darin von den anderen unterstützt wurde. Wir lernten in den ersten Wochen die Strukturen und Gewohnheiten aller Frauen kennen. Ab und zu dachte ich, ich bin völlig fehl am Platz. Der emotionale Durchlauf nahm seinen Lauf. Mich musste man erstmal bremsen, da ich gewohnheitsmäßig fast alle Jobs an mich gerissen hatte und den anderen sowieso nichts zutraute. Ich konnte mich herrlich im Loslassen üben.
Im weiteren Verlauf des Prozesses entwickelten wir die Fähigkeit den persönlichen Befindlichkeiten nicht mehr so viel Bedeutung einzuräumen. Die Karthasis war vorbei und jetzt ging es darum, sich auf das schlummernde und schon sichtbare Potential einzuschwingen, anstatt sich an den Problemen zu orientieren.
In dem Kernteam von sieben Frauen, die die vollen sechs Wochen dabei waren, kam jede als „Frau des Tages“ in den Mittelpunkt. Es fing an, indem die Frau von sich erzählte, die anderen nachfragten, bis wir auf den Kern der Sache stießen. Sie erhielt dann je nach Bedarf eine Session von allen Frauen. Je mehr ich erfuhr, um so mehr wuchs mein Interesse, meine Neugier und Anteilnahme an den anderen Frauen. Es gab keinen weiblichen Aspekt, der mir nicht irgendwie vertraut war, und sei es nur weil ich ihn verdrängt hatte, oder mich nicht getraut hatte ihn auszuleben. Ich verstand so auch mehr und mehr von mir.
Das wilde, ungezähmte Wesen, welches tanzt, schreit, lacht, weint und ergriffen nackt auf einem Felsen sitzt und mit sich und den Elementen im Einklang ist. Ekstase, die aus dem inneren Feuer erwacht und an nichts gebunden ist, außer an die momentane Lebenslust.
Einige von uns feierten ihre erste Blutung nach. Jede kreierte ihre Geschichte, wie die erste Blutung zelebriert wurde. Ich begann mich allmählich wohlzufühlen in meinem Geschlecht. Kaum merklich entstand die Heimat, die ich bisher vergeblich bei Männern gesucht hatte. Heimat entstand über das Begreifen der anderen Frauen und über das Interesse die noch unentdeckten Seiten in mir ans Licht zu holen. Endlich gab es Raum die lang zurückgehaltenen Emotionen freizulassen und in verschiedensten Formen auszudrücken. Sie bringen Spannung in den Körper, lassen die Stimme erbeben und befähigen die Frau als „Wildsau“ zu tanzen.
Frauensolidarität entsteht in dem Maße, wie sich mir die andere Frau gegenüber offenbart und ich mich ihr offenbare. Heilung findet da statt, wo ich in der Lage bin, mich in meiner größten Scham und Peinlichkeit zu zeigen. Der Vertrauensraum ist da und es fließen Tränen des Glücks und der Erleichterung. Geheult wurde viel bei uns. Nicht immer waren es Glückstränen. Manchmal waren es zuerst Tränen der Verletztheit und des Schmerzes, manchmal auch des Trotzes. Wir zeigten uns einander von allen Seiten, innen wie außen.
Durch gemeinsame Rituale und magische Räume entstand auch die spirituelle Heimat.
Wir stärkten uns einander unsere Quellen zu finden. Eine Quelle ist zum Beispiel die Fähigkeit aus der Gebärmutter zu sprechen, der Gebärmutter als Ort des weiblichen Wissens. Manchmal ließen wir auch unsere Yonis sprechen. Jede hatte ihre ganz eigene Art in die Kraft zu kommen. Es konnte intuitiv wandernd in der Natur, oder still auf einem Kraftplatz sein.
Man stelle sich vor zu Beginn eines Festes, welches wir Blutfest nannten, malte jede Frau der anderen einen roten Halbmond auf die Stirn und sagte zu ihr, ich ehre dich, dafür das du blutest.
Man stelle sich vor eine Frau tanzt nackt in der Mitte eines Kreises von Frauen, hält inne, betrachtet sich in einem Spiegel und fängt an zu reden über das was sie an sich liebt und über das was sie nicht an sich liebt. Einen Tag später machten wir eine Trance und jede stellte sich ein Körperteil vor, welches sie noch nicht richtig angenommen hatte und empfing dazu eine heilende Handlung, die sie selbst kreiert hatte. Alle anderen Frauen übten diese heilende Handlung an ihr aus, um sie darin zu unterstützen das Körperteil anzunehmen.
Mein Verstehen findet über die existenzielle Erfahrung statt. Die sexuelle Heilung der Frau oder auch das Steigern ihres Lustpotenzials, ist in erster Linie nicht an den Mann gerichtet oder an ihn gebunden. Beides liegt in der Selbstannahme ihrer Weiblichkeit, d.h. ihres Körpers so wie er ist, bzw. dort Lebendigkeit hineinzubringen, wo sie noch fehlt. Es geht auch um das Annehmen der Frau, das sie ein zyklisches Wesen ist und vor und während der Blutung verstärkt zu emotionalen Durchläufen neigt. Eine Frau zu sein, die gebiert. Ob es jetzt leibliche Kinder sind, oder Ideen, Kunst usw. Während der Menopause sieht der Zyklus etwas anders aus. In der Phase ist die Frau jederzeit in der Lage zu gebären. Dazu an anderer Stelle mehr.
Dadurch das ich mehr bei mir gelandet bin, ist auch die Geduld zu den Männern gewachsen. Ich stehe dem Mann nicht mehr mit der Erwartung gegenüber, dass er dafür zuständig ist, dass sich alles mögliche einlösen muß. Sondern wie komme ich in Kontakt, aus dem heraus Freundschaft und Verständigung entsteht.
Ich habe die Empfindung dass ein neues Zeitalter anfängt, indem die Frauen alte Wunden der Verachtung und Verleugnung ihrer weiblichen Natur heilen können.
Sie sind jetzt auch in der Lage die Männer mit einzubeziehen.
Die Frauen haben ihren Kreis, indem sie weiterforschen und mehr und mehr Wissen aus dem Verborgenen ans Licht holen. Die Männer finden ihre adäquate Form sich untereinander zu begegnen. Wenn ich mir vorstelle, die Männer würden sich Lingam-Massagen geben, so wie sich Frauen Yoni-Massagen geben……

Ich sehe es als die Verantwortung der Frauen, ihr Wissen zu entblättern und daraus ihre eigenen Strategien und eine weibliche Politik zu entwickeln, die die Materialisierungskraft beinhaltet.