Die Integration der Schatten


Schatten sind verpönt und werden ungern angeschaut, bzw. als Teile unserer Selbst erkannt. Schatten sind abgespaltene Gefühle wie Hass, Wut, Eifersucht, Neid, Gier und Ängste die keinen realen oder aktuellen Bezug haben. Aber auch Zustände der Macht, Ohmacht, Dominanz, Unterwerfung oder Hörigkeit gehören dazu.
Vermeintlich will niemand etwas damit zu tun haben, aber allerorten werden wir unbewusst davon bestimmt, wenn wir die Schatten nicht ans Licht holen.
Auch die dunklen Gefühle haben ein Energiepotential, welches konstruktiv und positiv genutzt werden kann. Auch sie sind da, um uns unser Menschsein bewusst zu machen und unser Wachstum zu fördern.
Gefährlich sind sie dann, wenn sie im Untergrund bleiben.

Wie zeigen sich die Schatten?

Sie zeigen sich sehr unterschiedlich in Misstrauen, Vermeidung von Nähe, Hingabe und Vertrauen. Auch Sucht und Depressionen sind ein häufiger Ausdruck davon.
Sie zeigen sich in Konfliktsituationen, wo sie sich häufig völlig unkontrolliert Bahn brechen. Sind sie unkontrolliert, sind sie abgespalten, d.h. sie führen ein Eigenleben und übernehmen die Regie.

Meistens passiert das in familiären Situationen und oft trifft es die Schwächsten: die Kinder. So sind auch wir als Erwachsene mehr oder weniger die Opfer von in der Kindheit erfahrenen Übergriffen. Als Erwachsene können wir uns wehren und abgrenzen. Dann ist es an der Zeit die Opferrolle aufzugeben, um nicht selbst zum Täter zu werden und aus der Spirale der unkontrollierten Ausbrüche und mögen sie noch so subtil sein, auszusteigen.
Für mich heißt das im höchsten Sinne Verantwortung zu übernehmen.

Eine subtile Ausdrucksform der Schatten ist die Manipulation. Manche Menschen sind wahre Meister darin, andere zu manipulieren. Eine Stärke ist das nicht, eher eine Scheinstärke. Sie erkennen sofort die Schwächen des Gegenübers und nutzen das um zu manipulieren. Die Manipulation ist weder wohlwollend noch mitfühlend, sondern eine egoistische Sucht nach Macht. Manchmal zeigt sie sich verführerisch und kann durchaus auch unterhaltsam sein. Ich habe von Menschen die manipulieren viel gelernt. Ich habe sie beobachtet, wie sie bei anderen Menschen ihren Willen durchsetzen, mit welcher Beharrlichkeit und mit welcher Verführungskunst. Zu 90% waren sie erfolgreich. Nur wenige reagieren darauf gar nicht. Zu gerne fühlt man sich gesehen und wahrgenommen und sei es auch nur zum Schein. Ich habe dann gelernt mich teilweise einzulassen, bin an anderen Orten gelandet, als ich eigentlich vorhatte und habe neue Erfahrungen gemacht. Positiv daran war, das ich durchaus meinen Horizont erweitert habe. Wenn ich genug hatte, konnte ich mich abgrenzen und ein klares „Nein“ sagen.
Wichtig dabei ist, sich nicht verführen zu lassen und eine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen, solange das nicht eingehend überprüft worden ist.

Häufig sind diese Personen an entscheidenden Stellen der Wirtschaft und des Finanzwesens zu finden. Eine der größten Privatbanken „Goldman Sachs“ ist ein zutreffendes Beispiel. Es ist dort nichts menschliches mehr zu finden, sondern nur Personen, die im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein führen und dabei unfassbar grosse Macht anhäufen. Sie ziehen in wechselnden Besetzungen fast überall die Fäden als Entscheidungsträger. In der Wirtschaft, der Politik und den Finanzgremien.
Ab und an lassen sie einen aus ihren Reihen über die Klinge springen, der dann wegen Korruption, schwerem Betrug, Bilanzfälschung usw. verurteilt wird. Goldman Sachs macht u.a. viel Kapital aus der Verschuldung der Staaten und produziert teilweise die Verschuldung.

Auch die Machthaber der Diktaturen, religiöse Fanatiker oder frauenfeindliche Kulturen gehören in das Schattendasein.

Jeder Krieg, jede Ausbeutung unseres Planeten, die enorme Einschränkung und Zerstörung der Lebensräume von Pflanzen, Tieren und Menschen gehört dazu.
Der ganze Wahnsinn der Globalisierung, wo z.B. im Gebiet der Massai, einem Stammesvolk in Afrika, Rosen für den Westen in riesigen Gewächshäusern angebaut werden. Die Massai haben dadurch für ihr eigenes Überleben kein Wasser mehr.

Ich nenne diese Beispiele um die Tragweite und Wichtigkeit der Integration unserer Schatten aufzuzeigen. Jede und Jeder kann bei sich selbst anfangen. Der Anfang ist immer bei sich selbst.

In Berlin bewege ich mich gerne in den unterschiedlichsten Szenen. Ich bin neugierig und liebe intensive Räume. Über Heavy Metal, Punkrock, Worldmusic, Mantrasingen, BDSM, Tantra, Yoga, alles was tanzbar ist und den Körper auf achtsame Weise spürbar macht, ist ein spannender Erfahrungsraum für mich. Interessiert bin ich auch an den Menschen, die mir dort begegnen. Es ist fast egal in welcher Szene ich mich bewege, überall sind sowohl freundliche, liebevolle Menschen, als auch ihre Schatten zu finden.

Auch in den spirituellen Kreisen, die sich nach außen sanft und besonders bewusst geben, tauchen gerade in Konfliktsituationen die Schatten auf. Ich bin manchmal erstaunt welch blanker Hass mir entgegenschlägt, wenn z.B. Themen wie Macht zur Sprache kommen. Vor allem dort werden die Schatten sehr gerne unter den Teppich gekehrt.
Wir haben nun mal alles in uns und das gilt es weder zu verurteilen, noch zu leugnen.


Katharsis

Nicht jede Methode ist für jeden gleich gut. Es braucht eine gewisse Behutsamkeit an die Schatten heranzugehen. Es ist immer eine Konfrontation mit den eigenen Ängsten. Manche der Ängste kommen aus unseren Verletzungen und Erfahrungen. Manchmal schützen uns die Ängste, manchmal sind sie aber auch irreal und werden übermäßig reproduziert, wenn das nicht erkannt wird.

Gemeint sind damit nicht die Ängste, die z.B. in der Natur das Adrenalin ausschütten lassen und Leichtsinn vermeiden. Die Ängste, die der Wildnis gegenüber den gebührenden Respekt zollen. Oder auch das Lampenfieber, die Aufregung vor Auftritten ist nicht gemeint.
Gemeint sind die unreflektierten Ängste, die uns bis zur Erstarrung lähmen können und unsere Handlungsfähigkeit enorm einschränken.

Dazu gehört die Todesangst, die möglicherweise in der Kindheit erfahren wurde. Oftmals ist es die Todesangst, die die Erstarrung hervorruft. Sie ist da, ob wir uns nun in einer lebensbedrohlichen Situation befinden oder nicht. Strahlen wir Todesangst aus, werden wir ganz schnell wieder zu Opfern und ziehen womöglich eine Erfahrung an, die das Trauma weiter nährt. Die Todesangst kann uns auch dann beherrschen, wenn wir nicht in katastrophalen Zuständen leben müssen.

Es gibt enorm viele Versprechungen, wie Ängste oder Traumata aufgelöst werden können, ohne sich wirklich damit zu konfrontieren. Bei diesen Methoden ist Vorsicht geboten, weil sie manchmal mehr verschleiern als klären. Besonders ängstliche oder verwirrte Menschen brauchen in sich erstmal eine Stabilität und Klarheit als Voraussetzung, um sich mit den Schatten zu konfrontieren. Es braucht eine Einschätzung sich selbst gegenüber wie weit ich mich aus dem Fenster lehnen kann, ohne abzustürzen.

Osho hat einige kathartische Meditationen wie die „dynamische Meditation“ für die westlichen Menschen entwickelt. Auch heute ist diese Meditation noch genauso aktuell wie in den Siebzigern. In dieser Meditation habe ich lange mit meinen Dämonen gekämpft und wollte sie abschütteln. Sie kamen direkt aus meinem Körper und zeigten sich als bedrohliche, riesige Schatten, die manchmal auch ein furchterregendes Gesicht hatten. Immer waren sie an mir angewachsen und sehr nah. Ich habe gekämpft und geschrien, bin sie aber nicht losgeworden. Ich habe mich ausagiert, auf Kissen geschlagen, gestampft, Matrazen getreten, mich gewunden und viel gestaute Energie im Körper in Bewegung gebracht. Es war erstaunlich wie viel in mir steckte, was befreit werden wollte.

Ich habe dann erkannt, dass ich auch meine Schatten bin und sie aus ihrem Schattendasein erlöst werden wollen. Alle Schatten sind Aspekte meines Selbst, die befreit werden wollen. So übte ich mich darin, die Dämonen zu meinen Freunden zu machen. Es war plötzlich ganz leicht und die Dämonen waren verschwunden und ich hatte einen enormen Zuwachs an Energie.

Je mehr ich integrieren konnte, um so mehr Lebensenergie ist zu mir zurückgekommen.
Mein schlimmster Schatten, der in einer anderen therapeutischen Situation aufgetaucht ist, war der Schatten meiner Mutter. Dieser Schatten hat sich mit leeren Augen und einem Vampirgebiss gezeigt. Es war ein Schatten der mir meine Lebensenergie abgesaugt hatte.
In der Katharsis konnte ich damit abrechnen. Ich konnte mich in einem geschützten Rahmen dieser gigantischen Angst stellen und das kleine Mädchen betrauern, welches dadurch schlimm und nachhaltig verletzt wurde. Es hat Jahre gedauert bis ich auch diesen Schatten integrieren und meine Mutter in mir annehmen konnte. Ich bin meiner Mutter im Aussehen sehr ähnlich und auch in manchen anderen Aspekten, wie z.B. dem Humor. Es war ein Riesenschritt für mich, mich mit meiner Mutter in mir zu versöhnen.

Ohne Katharsis, das „Auskotzen“ und Reinigen des ganzen angesammelten Schmodders in meinen Gedanken und Gefühlen, wäre das nicht möglich gewesen. Die letzten Jahre ihres Lebens war meine Mutter schwer dement und ich habe sie in eine Pflege-Wohngemeinschaft in meine Nähe geholt. Es war eine schöne Zeit, die wir miteinander hatten und ich hatte ein uneinschränkt zärtlich-liebendes Verhältnis zu ihr. (siehe Blog Oktober 2011 „Der Abschied von der Mutter“)

Außerdem ging und geht mein Weg über die Körpertherapie, die Berührung in Form von Massage und Körperarbeit und die daraus resultierende Reflexion. Bewusste, achtsame und vor allem bedürfnislose und erwartungsfreie Berührungen haben mir sehr geholfen mehr und mehr in meinen Körper zu kommen. Ich liebe es ihn zu spüren und zu kräftigen. Auf der einen Seite steht die Katharsis, auf der anderen Seite heilsame, nährende Erfahrungen. Beides gehört zusammen.

Welcher Nutzen entsteht, wenn wir unsere Schatten annehmen?


Abgespaltene Gefühle und deren Ausdrucksarten aus der Verdrängung ins Licht zu holen, klärt die unteren Chakren, wie das Wurzelchakra und das Sexchakra. Die Menschen, die sich das zu eigen gemacht haben, d.h. einen bewussten, feinsinnigen Umgang mit Hass, Eifersucht, Neid, Gier usw. haben, sind gut geerdet. Sie sind ausdrucksstark, präsent und in der Lage anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Sind die „dunklen“ Gefühle integriert, stehen sie dadurch als Kraftquelle zur Verfügung. Das wirkt sich auch auf die Stimme aus. Die Verbindung mit den unteren Chakren lässt uns tief aus dem Bauch brüllen. Piepsstimmen oder sehr hohe Stimmen sind oft ein Indiz nicht integrierter Schatten mit wenig Erdung und Klärung unserer Basis.


Ein weiterer großer Vorteil durch die Integration unserer Schatten ist der, dass wir wesentlich selbstbestimmter werden und nicht mehr so leicht zu manipulieren sind.
In einem schamanischen Workshop habe ich ein mehrtägiges Teaching über die „kleinen Tyrannen“ erhalten. Dort wurde noch viel differenzierter erklärt, wie die Konfrontation der Schatten, in Form der verschiedenen Ausprägungen durch die „kleinen Tyrannen“ auf uns wirkt. Das ist sehr schön in einem Kapitel im Buch von Carlos Castaneda „Das Feuer von Innen“ beschrieben. Sein Lehrer erzählte ihm die Geschichte, als er einem lebensbedrohlichen kleinen Tyrannen gegenüber stand. Es war ein Vorarbeiter in einem Pferdestall. Jahre zuvor hatte er ihn angeschossen und ihn liegenlassen, als er dachte, dass er tot wäre. Sein Wohltäter fand ihn und pflegte ihn gesund. Jahre später sollte er dort wieder arbeiten, um den kleinen Tyrannen zu besiegen. Die Attribute der Kriegerschaft dazu sind: Kontrolle, Disziplin, Voraussicht, Timing und Wille. Um das zu lernen, setzte er sich erneut der Todesgefahr aus. Nun es ist ihm gelungen und er hat nicht nur den kleinen Tyrannen besiegt, sondern dabei auch seine Schatten integriert.

Das sagt uns, dass wir dadurch ein Überlebenswissen erlangen, welches uns in vielerlei Hinsicht nützlich ist. Wir können uns in gefährlichen Situationen besser schützen.
Das ist auch auf Alltagssituationen übertragbar. Mir ist es über viele Jahre passiert, das ich mir von vermeintlichen Beratern oder Verkäufern Produkte und Verträge habe aufschwatzen lassen, in der Meinung das sie mir nur Gutes tun wollen. Ich fühlte mich sofort schuldig, wenn ich nicht darauf einging. Ich habe dann durchschaut, dass dahinter mein Papa stand, dem ich es nie recht machen konnte. Er wollte einen Sohn und ein Mädchen war für ihn minderwertig. D.h. ich habe diesen Teil des Papa-Schattens integriert und bin jetzt in der Lage diese “kleinen Berater-Tyrannen” nicht mehr in mein Leben zu lassen. Das war gar nicht so einfach, da ich in mir auch Geldverluste befrieden musste. Solange ich noch mit Wut oder Ohnmacht auf etwas reagierte, was ich letztendlich selbst zu verantworten hatte, war der Schatten noch nicht integriert.


Der Nutzen an solchen Erfahrungen ist die Befriedung, Versöhnung mit meinen Fehlern und die Übernahme von Verantwortung. Parallel dazu hört auch der Energieverlust auf. Geld welches auf diese Weise verloren wurde, fließt auf andere, erfreuliche Weise wieder zurück.

Alle Gefühle annehmen


In dem Weg über die Katharsis konnte ich mich nach und nach davon verabschieden, die Fassung zu bewahren oder ein „schönes“ Gesicht zu machen.
Es war befreiend zu sabbern, zu brüllen und Grimassen zu schneiden. Es gab die Erlaubnis Körperspannungen und Agressionen an Kissen und Matratzen auszulassen.
Befreiung auf allen Ebenen. Die ersten Male war ich nach fünf Minuten heißer. Es bedurfte einiger Übung in die Stimme zu kommen und die eigene Kraft zu spüren und zuzulassen.
Unangenehme Gefühle sind nicht ein für alle Male weg, auch wenn sie in befreiten Momenten erlebt werden. Das ist auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist, wie wir damit umgehen. Ein unangenehmes Gefühl auf seinen Ursprung hin zu erkennen, bedarf einer gewissen Achtsamkeit und Disziplin. „Ah da ist es wieder, was oder wer hat es ausgelöst?“
Mit der Zeit geht der Erkenntnisprozess immer schneller. Die Fähigkeit an den Ursprung des Gedankens oder Gefühls zu kommen und zu entscheiden ob es zugelassen oder gleich wieder verabschiedet wird steigt.

Geraten wir trotzdem hinein, gibt es noch den kreativen Umgang damit in Form von Rollenspielen, Improvisationstheater oder pantomimischem Ausdruck.Manchmal hilft es auch den unangenehmen Zustand auszusitzen, ohne dabei in Selbstmitleid zu versinken. In dieser Situation bleibe ich ganz bei mir und gehe vielleicht ein paar Runden im Park rennen oder tue mir etwas anderes Gutes. In keinem Fall werde ich aus diesem Zustand heraus schwerwiegende Entscheidungen treffen und vermeide so Übersprungshandlungen.

Frei von den Blicken der anderen

Auf gar keinen Fall sollten „dunkle“ Gefühle wie z.B. Hass oder Eifersucht blind oder ohnmächtig ausagiert werden. Unser Gehirn ist so genial, das unsere Intelligenz durchaus auch dafür geschult und eingesetzt werden kann, bewusst unsere Gedanken und Gefühle zu erkennen und zu bestimmen. Man nennt das emotionale Intelligenz.


Je nach Situation, vor allem in intimen Kontakten, hilft mir das manchmal mich zu zeigen, egal wo ich gerade stehe. Ich bin „entwaffnend“ offen. Indem ich mich zeige, verliere ich nicht mein Gesicht, sondern gehe durch jegliche mögliche Peinlichkeit hindurch und befreie mich so von der Unsicherheit, was das Gegenüber von mir denken könnte. Seit ich mich nicht mehr darum kümmere, was andere von mir denken, mache ich die erstaunlichsten Entdeckungen. Ich werde viel mehr geliebt und gewertschätzt, wenn ich mich zeige und sage was ich denke. Nicht von jedem Menschen. Manchen macht das auch Angst und sie bleiben weg.  Aber ich habe mit Menschen zu tun, die mir auf Augenhöhe begegnen. Das macht das Leben intensiv.  Menschen die mir auf Augenhöhe begegnen, sagen auch ihre Meinung und manchmal bekomme ich Spiegel, die nicht so angenehm sind. Die Auseinandersetzung damit braucht es für das eigene Wachstum.

Viel Mut beim Kennenlernen und Integrieren der Schatten.
Und es darf und wird auch Spaß machen!
Im nächsten Kapitel geht es darum, die eigene innere Stimme zu hören!
 
Herzlichst
Bettina