Die Angst als freundlicher Begleiter

Wir alle sind mehr oder weniger von Ängsten geplagt, wollen sie loswerden oder halten sie für etwas Unangenehmes, Negatives. Nicht selten werden wir von den Ängsten unbewusst regiert, bis hin zur Erstarrung oder Ohnmacht. Angst greift über in alle Lebensbereiche, wenn wir das unreflektiert zulassen.

Dabei ist Angst einfach ein ungeliebtes Kind, wie wir das oft auch waren. Sie will gesehen werden und angenommen sein. Dann kann sie sich verwandeln und steht uns als Energiequelle zur Verfügung. Ich spreche von den Ängsten, die uns alltäglich begleiten und die wir am liebsten nicht wahrhaben wollen.

Von den Ängsten regiert zu werden verhindert Lebensfreude, Erfüllung in Beziehungen, echtes Lernen und kreiert Probleme in der Außenwelt. Ängste sind der  Nährboden für Kriege. Kriege unter Völkern, zwischen Diktatoren und „ihren“ Völkern, Kriege in Beziehungen und gegen sich selbst.
In der unbewussten Angst zu sein, ist ein Dasein wie in einem Kokon, der die Verwandlung von der Raupe in den schönen Schmetterling unmöglich macht. Wir kommen nicht umhin, uns unsere Ängste anzuschauen, uns mit ihnen auseinander zu setzen und sie uns zum Freund zu machen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung um Selbstreflexion, Bewusstsein und dadurch geistige Reife zu erlangen.

Die Angst als Weg

Der erste Schritt sich die Angst zum Freund zu machen, ist sie zu fühlen und zuzulassen. Sie sozusagen aus der Verdrängung zu befreien.

Lange Zeit habe ich zu Übersprungshandlungen geneigt, bin sozusagen über die Angst drübergesprungen, habe sie nicht gefühlt und mich in unverständliche bis teilweise lebensbedrohliche Situationen hineinmanövriert.

Mit der Angst zu sein, die auch Trauer und Schmerz auslösen kann oder umgekehrt Angst, die durch Trauer und Schmerz entsteht, ist ein Gewöhnungsprozess, der in eine Verfeinerung der Gefühlswelt führen kann.

Es gibt unterschiedlichste Ängste, die durch verschiedenste Situationen ausgelöst werden können. Das können Gerüche sein, bestimmte Verhaltensformen von anderen, Arztbesuche, Operationen, Krankheiten, öffentliches Auftreten und Sprechen, Steuererklärungen, Briefe von Hausverwaltungen oder Ämtern, das sich Einlassen auf andere Menschen, Nacktheit und Sexualität, Hunde, Höhenangst, Angst vorm Fliegen, vor Autoritäten oder solchen Menschen, die wir dazu machen usw. Die Liste kann endlos fortgeführt werden, je nachdem was wir aus der Kindheit als unangenehm oder bedrohlich übernommen haben.

Um aus diesem Hamsterrad auszusteigen ist es wichtig, die Angst wahrzunehmen und zu orten. D.h. was ist die Ursache für die Angst? Ist es ein Mensch der mir begegnet ist, eine Mail die gekommen ist oder eine Situation, die bevorsteht?

Wenn die Angst am Morgen beim Aufwachen da ist, ohne sich genau daran erinnern zu können, was in der Nacht passiert ist, ist es schwieriger sie zu orten. Das hat meistens mit einem zentralen, unaufgelösten Trauma zu tun, wenn nachts das Unbewusste gearbeitet hat.
An der Stelle geht es darum, besonders liebevoll mit sich zu sein und sich mit etwas Wohltuendem eine Freude zu machen.

Die Angst oder Ängste als Wegweiser zu nehmen bedeutet, dass wir sie kennen. Das verlangsamt die Auswirkungen. Affekthandlungen, die oftmals blitzartige Überreaktionen sind, können so verhindert werden. Erst innehalten, Gefühle überprüfen und dann ggf. handeln oder abwarten.

Manchmal bin ich so aufgebracht, das es drei Tage dauern kann, bis ich wieder voll in meinem Herzen bin und adäquat, d.h. nicht verletzend reagieren und handeln kann. Wut ist oft auch ein Resultat von Angst und Ohnmacht.

Ängste kommen solange wieder, bis sie ihren Dienst erfüllt haben. D.h. sie spiegeln uns unsere Widerstände und Grenzen. Egal ob in Beziehungen oder in einem selbst.  Sie sind allgegenwärtig.

Ängste werden betäubt

In unserer Gesellschaft ist es schick, Ängste zu kompensieren. D.h ein ausgeprägtes Suchtverhalten hat sich etabliert. Ob Alkohol, Drogen, Sexsucht, Fresssucht, Fitnesswahn, Schönheitsoperationen oder luxuriöse Autos. Diese Kompensationen halten uns fest in der Oberflächlichkeit des „Nicht-Fühlens“. Das Konsumverhalten lenkt uns ab von unserer eigentlichen Sehnsucht nach Verbindung und eins sein mit dem Lebendigen. So funktioniert der Kapitalismus. Die Ängste vor Krankheiten und dem Alter werden geschürt. Die Schulmedizin vergiftet uns mit chemischen Substanzen, die das Erkennen von Krankheitsursachen vollkommen außer Acht lassen. (Als Unfallmedizin finde ich sie teilweise wertvoll, aber als Heilmedizin von Krankheiten völlig unzureichend).

Wir Frauen neigen im Besonderen dazu, Situationen schön zu reden, auch, wenn wir schon in der „Hölle“ sind. Lieber in einer destruktiven Beziehung verweilen, als alleine sein. Der Sex kittet noch eine zeitlang die Energielecks.

Durch die Angst in die Freiheit

Wie schön ist es wenn Frauen ihre wilde Kraft der Welt zur Verfügung zu stellen.  Wenn sie unabhängig, selbstbestimmt, selbstliebend, durchlässig und empfangend sind. Sie nehmen wahr, was um sie herum geschieht, wägen klug ab, was eine adäquate Handlung ist und lassen sich weder korrumpieren, noch sich Energie abziehen. Und taucht die eine oder andere Angst auf, zieht es ihnen nicht mehr den Boden unter den Füßen weg.

Im Idealfall sind sie naturverbunden, pflegen ihren Körper mit gesunder Ernährung und Bewegung, gehen ihrer Aufgabe mit großer Hingabe nach, sind fröhlich, humorvoll, neugierig und kreativ. Mit ihrem Selbstbewusstsein unterstützen sie auch die Männer. Sie gehen in die Stille zu ihrer Quelle und sind aus sich selbst heraus in der Lage, sich zu regenerieren.

Herzlichst,     Bettina