Der Abschied von der Mutter

Wenn die Mutter geht, ist das ein einzigartig und ein ganz besonderer Moment im Leben jedes Menschen.
Die Frau, die uns das Leben geschenkt hat und von der wir eine Menge in uns tragen.

Meine Mutter war zuletzt schwer dement und ich hatte sie die letzten 3 ½ Jahre nach Berlin geholt.
Sie hat in einer Pflege-WG gelebt. Das war eine gute Entscheidung, da sie dort entsprechend ihres Zustandes ein individuelles Leben führen konnte. D.h. sie wurde darin unterstützt, das auszuführen was sie noch konnte. Ob das jetzt Wäschefalten war oder sie beim Einkaufen zu integrieren. Und sie wurde dort geliebt.

Ich hatte die ersten Jahre ihrer Demenz große Schwierigkeiten, sie in diesem Zustand anzunehmen. Sie war nicht mehr für mich da, sondern ging jetzt mehr und mehr dazu über hilfsbedürftig zu sein und die Verantwortung für sich abzugeben.
Es kamen Wesenszüge zum Vorschein, die sie ihr Leben lang nicht gelebt hat.
Eine gewisse Dominanz kam zum Vorschein, die sie lautstark ausdrückte.
Bis zuletzt ist es ihr schwer gefallen, Hilfe bei der Körperpflege und dem Anziehen anzunehmen. Sie wollte bestimmen, alles selber machen, aber es ging eben nicht mehr.

Die Umstellung war auch für sie schwer und hat über ein halbes Jahr gedauert. Dennoch gab es auch einen Lerneffekt mit der veränderten Situation anders umzugehen, als sie es aus ihrem früheren Leben kannte.
Die ersten Jahre in Berlin konnten wir noch viel im Park herumstreifen. Damit sie mir nicht wegläuft, wenn ich etwas zum Essen oder Trinken geholt habe, hatte ich den Trick, das sie auf meine Tasche aufpasst. Das hat so gut funktioniert, das sie da saß wie ein „Wachhund“.
Überhaupt lernt man im Umgang mit Dementen jede Menge Tricks anzuwenden, die sie z.B. an nahe stehende Menschen aus ihrem früheren Leben wohlwollend erinnern und die helfen gewisse Handgriffe, wie Körperpflege oder an- und ausziehen, auszuführen.
Es ist viel Geduld erforderlich bis es ein Einverständnis gibt.

All das hätte ich niemals bewerkstelligen können, wenn ich selbst ihre Pflege übernommen hätte.
Da sie mobil und laut war, war ich in der ersten Zeit schon nach wenigen Minuten aus meiner Mitte gerissen. Manchmal schimpfte sie und wurde ausfällig, wenn ihr was nicht passte. Die Phasen in denen sie gut gelaunt war und viel gelacht hat, waren immer ein Geschenk. Jederzeit konnte es kippen.
Die Gelassenheit, das nicht persönlich zu nehmen, musste ich lernen. Mit der Zeit ging es immer besser, aber auch nicht allzu lange. So war ich immer froh wieder gehen zu können und zu wissen das sie in guten Händen ist.

Als am 15.September 2011 früh morgens das Telefon klingelte, war mir sofort klar was passiert ist.
Fünf Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und war eine halbe Stunde später bei ihr.
Ich fuhr auch mit dem Fahrrad weil ich so kommen wollte, wie ich sie immer besucht habe.

Sie sah friedlich aus, mit halb geöffnetem Mund.
Wie die Körpertemperatur langsam abnahm hat mich sehr interessiert. Ich habe sie viel angefasst und geküsst. Der Tod hatte etwas friedvolles, lichtes und entgültiges in dieser Inkarnation.

Der Raum war von ihrer Seele erfüllt und für mich eins meiner tiefsten spirituellen Erlebnisse.
Ich habe sie gelobt, das sie es gut gemacht hat, in ihrer WG zu sterben.
Es wurde mir klar das das nicht das Ende ist, sondern wir in eine neue Verbindung eintreten und sie sich in eine andere Dimension begibt.
Jetzt ist sie wieder die Große und ich die Kleine.
Ich habe ihr gesagt sie soll auf mich aufpassen.

Ich habe ihr auch mitgeteilt, das sie zu ihrem Mann und ihrer Mama gehen kann.
Und das es nichts zu vergeben gibt, weil alles gut ist.
Ich habe ihr gedankt, das sie mir das Leben geschenkt hat.

Durch diese bedingungslose Liebe ging mein Herz noch weiter auf.

Ich war dankbar wie die letzten Jahre alles gelaufen ist und ich mit ihr noch drei gute Jahre hatte, mich langsam zu verabschieden. So war ich gut vorbereitet.

Die innere Arbeit mit ihr ins Reine zu kommen und damit meinen inneren Frieden mehr gefunden zu haben, habe ich über jahrelange körpertherapeutische Auseinandersetzung bewerkstelligt. Ich bin durch alle Gefühle auch durch Hass, Wut, Verachtung und Trauer durchgegangen. Ich konnte die Verletzungen, die ich durch sie erlitten habe, erkennen und erfühlen und habe mir schrittweise meinen Körper, meine Herzöffnung und mein Vertrauen zurückgeholt. Ich habe die Verantwortung für mich übernommen. Das war unabdingbar die Voraussetzung dafür, meine Mutter lieben zu können. So hatten wir beide was davon.

In Dankbarkeit und Liebe in der noch ungewohnten Lebensphase jetzt ohne sie zu sein
Bettina Dornics