Das heterosexuelle Dilemma

Eine Freundin hat zu mir vor einiger Zeit etwas provokativ gesagt: “Du steckst doch auch im Heten-Dilemma.“ Heten werden die Heterosexuellen im schwul-lesbischen Sprachjargon genannt. Als ich gefragt habe was das sei, kam die Antwort: „Im Heten-Dilemma misst die Frau ihren Selbstwert an der Zuwendung des Mannes.“ Etwas abmildernd wirkte dann noch ihre Aussage, das sie davon auch nicht frei sei. Mir hat das nachhaltich zu denken gegeben. Alle meine Männerkontakte, egal welcher Ausprägung, liefen vor meinem inneren Auge ab. Ich habe mich mehrfach dabei ertappt wie ich versucht habe dem Mann zu gefallen, seine Anerkennung und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Hat das nicht in dem mir gewünschten Maße stattgefunden, wurde ich sehr traurig und habe mich erbärmlich gefühlt. Wenn ich mir in dem Zusammenhang meinen Vater vor Augen führe, weiß ich auch wo das herkommt. Meinem Vater konnte ich es nie recht machen, egal wie ich mich ins Zeug gelegt habe. Ich konnte es ihm deshalb nicht recht machen, weil er einen Jungen wollte und Mädchen nun mal als minderwertig betrachtet hat. Er hatte einen Herzklappenfehler und war dadurch geschwächt. Er hat sich aus Angst nicht frühzeitig untersuchen lassen und damals war auch eine OP bei weitem nicht so selbstverständlich wie heute. Er starb, als ich 13 war. Meine Mutter war ihm im Sport weit überlegen. Das hat nicht gerade zu seinem männlichen Selbstbewusstsein beigetragen. Er wollte einen Sohn, der das lebt, wozu er nicht fähig war. Zumindest auch körperlich stärker zu sein, als die Frau. Er war ein begnadeter Künstler. Er konnte feinste Aquarelle malen, war Fotolithograph von Beruf noch lange bevor es die Farbfotographie gab und hat meiner Mutter die romantischsten Liebesgedichte geschrieben. Er war auch Fotograph und oftmals mussten meine Mutter und ich im Urlaub vor einem Motiv stehen und warten bis die entsprechende Wolke kommt. Dann kam sie und die Sonne war weg. Dann mussten wir wieder warten. Er konnte stundenlang vor einer Pflanze verweilen, bis sich ein Insekt daraufgesetzt hat, welches er fotographieren wollte. Genau dieses Insekt auf dieser Pflanze. Es sind unglaubliche Fotos entstanden, einige wurden prämiert. Er hatte eine Zusage an der Kunstakademie für ein Studium bekommen, um das er sich nicht gekümmert hat. Er war sehr eigenbrödlerisch und stand lieber alleine in der Dunkelkammer, als sich unter Menschen zu begeben. Widerwillig hat er mir nachts in der Dunkelkammer gezeigt wie man Fotos entwickelt. Eigentlich wollte er alles seinem Sohn beibringen. Ein Mädchen taugt ja zu nichts und braucht auch keine höhere Schulbildung. Als mir meine Zeichenlehrerin im Zeugnis für „bildhaftes Gestalten“ eine Eins gab, ist mein Vater in die Schule gegangen und hat sich beschwert, das meine Leistung keine Eins wert sei. Meine künstlerische Laufbahn habe ich erst nach seinem Tod begonnen. Das sind einige Beispiele wie eine Heten-Dilemma entsteht. In den meisten Liebesbeziehungen habe ich den Papa gesucht, der mich endlich anerkennt und liebt. Papa wurde glorifiziert und als unerreichbarer Gott über mir schwebend hervorgehoben. Als Teenager und junge Frau habe ich größtenteils in meiner Phantasie gelebt. In den Jahren meiner Therapie ist der Papa erst ganz am Schluß aufgetaucht und wurde entmystifiziert. Dabei bin ich in Ohnmacht gefallen, so tief saß die Angst und der Schmerz. Mittlerweile erkenne ich diese Sackgasse mehr und mehr. Bislang gab es immer einen Mann in meinem Leben der glorifiziert und angebetet wurde, jedoch unerreichbar blieb. Auf den konnte ich alles projizieren was es an Traumvorstellungen gab. Das kann durchaus auch ein Mann sein, der mir nahe steht, jedoch als Liebespartner nicht in Frage kommt. Manchmal kam es zum Sex, was die unerlöste Sehnsucht noch vergrößert hat. Die Beziehungen, die ich gelebt habe waren mehr oder weniger dramatisch und aufreibend. Wieviele unglückliche Beziehungen kommen aus so einem Background, bis hin zur Hörigkeit. Der Film läuft solange bis alle Lektionen darin gelernt werden. Dann plötzlich sieht die Welt klar und nüchtern aus. Die Projektionsfläche verblasst und übrig bleibt die Realität. Und die heißt alles liegt bei mir, meiner Bereitschaft mich einzulassen, mich meiner Angst zu stellen und auf Empfang zu gehen. Der Tunnelblick weitet sich in die Breite. Die Welt wird größer und bunter. Die eigene Begrenztheit wird bewusst und jetzt geht es darum neue Erfahrungen zu machen, das Unbekannte zu entdecken. Auch mal Ja zu Sagen, wo bisher immer ein Nein kam. Absichtsloses, neugieriges Ausprobieren. Was gibt es denn alles noch? Welche Männer sind mit zugewandt, die auch passen? Im günstigsten Fall finden sich in einer reifen Partnerschaft zwei Menschen, die sich nicht mehr nur triggern, sondern die sich dabei unterstützen ihr Herz zu heilen, die kommunizieren und sich Gutes tun. In dem Bewusstsein das wir alle eine Geschichte haben und das wir zusammengesetzt sind aus Mama und Papa. Das lässt sich nicht leugnen, sondern besser wir nehmen es an und sehen darin das, was uns als Lernpotential mit auf den Weg gegeben wurde. Wichtig ist, das wir es sehen und immer besser durchschauen. Dann können wir selbstbestimmt auch die Qualitäten entdecken, die darin verborgen liegen. Und wenn der Schmerz und die Trauer kommt, ist es nicht mehr abgrundtief. Für uns Frauen gilt es zudem, uns unsere eigenen Kraftquellen zu erschließen. Uns mehr und mehr aus der Abhängigkeit von männlicher Zuwendung zu befreien, um zum Mann in ein konstruktives Verhältnis einzutreten, indem die Liebe anstelle von Projektion auf Freundschaft basiert. Herzlichst Bettina